Schön ausgedrückt – geschlechtliche Inkonsistenzen 1: Anreden

Bei diesem Thema muss ich – wie schon so oft – etwas weiter ausholen und wohl zunächst einmal erläutern, was ich mit diesem klangvollen Titel überhaupt meine. Der Duden erklärt die „Inkonsistenz“ als Unbeständigkeit oder Widersprüchlichkeit in der Logik, und genau das ist es, was mir bei den männlichen und weiblichen Anreden in der deutschen Sprache immer wieder auffällt. Damit meine ich nicht, dass man überall ein -innen anhängen sollte (wobei man das natürlich könnte, wenn man wollte – mit den militanten -innen-Verfechterinnen lege ich mich aus Gründen der Effizienz lieber nicht an). Mir geht es eher darum, dass es dem Anschein nach keine erklärliche Logik für die Verwendung der jeweiligen Anrede gibt – jemand, der unsere schöne Sprache lernt, muss sich das einfach merken, kann es aber nicht herleiten. Natürlich bin ich keine gelernte Germanistin, so dass ich nicht ausschließen kann, dass es eine Logik gibt, die mir aber bislang im Verborgenen blieb. Aber fangen wir einfach mal an:

Schuhe, Pumps, Stiefel

Wirkungsvoller Kontrast: Bild zur Verfügung gestellt von Espressolia / http://www.pixelio.de

In unserem Sprachgebrauch haben wir zunächst einmal zwei Geschlechter, bei Erwachsenen sind das Mann und Frau. Man sagt also: „Kennst du den großen Mann da hinten?“ oder auch: „Wer ist denn diese nette Frau?“ Eine einfache Frage mit kurzer Beschreibung der fraglichen Person, Mann und Frau. Wenn nun jemand antwortet, sagt er vielleicht: „Der große Mann da hinten ist Herr Meier.“ Oder er sagt: „Die nette Frau ist Frau Schmidt.“ Aha, so ist das. Herr Meier und Frau Schmidt. Warum nicht Mann Meier und Frau Schmidt? Oder wie könnte das sonst gehen?

Neben dem Mann und der Frau gibt es noch weitere Anreden in unserem Sprachgebrauch: Höflich heißt es der Herr und die Dame: „Kann ich dem Herrn noch etwas bringen?“ oder: „Da drüben, wo die ältere Dame sitzt.“ Also könnte/sollte/müsste es in einer höflichen Anrede doch eigentlich heißen: Herr Meier, Dame Schmidt. Ach so, nicht? Hmmm …

Wo ist der Unterschied zwischen dem Mann und dem Herrn, der Frau und der Dame? Laut der hier relevanten Wortbeschreibung im Duden sind Mann und Frau erst mal erwachsene Personen des männlichen oder weiblichen Geschlechts – aha. Des weiblichen Geschlechts – nicht des fraulichen – was soll das denn? Aber lassen wir das Weib hier erst mal raus, das ist ein Neutrum und führt jetzt nur zu Durcheinander. Wir suchen noch den Herrn und die Dame.

Ein Herr ist laut dem gelben Duden ein „1a. Mann (auch als übliche höfliche Bezeichnung für eine männliche Person im gesellschaftlichen Verkehr)“ oder „1b. gebildeter, kultivierter, gepflegter Mann“. Aha. In der Anrede ist a = b, es wird also ohne Ansicht der Person antizipiert, dass der Herr Meier ein ganz Feiner ist. Und die Dame ist gemäß meinem gelben Freund „1a. Frau (auch als übliche Bezeichnung für eine Frau im gesellschaftlichen Verkehr)“ und „1b. gebildete, kultivierte, gepflegte Frau“. Da ist also nicht viel Unterschied zum Herrn, und doch wird die Dame Schmidt erst mal nur als erwachsene Person weiblichen Geschlechts wahrgenommen, also als Frau Schmidt: a ≠ b. Es ist also wie immer: Frauen müssen deutlich mehr tun, um die gleiche Wertschätzung zu erfahren.

Ganz wild war es dazu noch in früheren Zeiten, in denen eine unverheiratete Frau als „Fräulein“ bezeichnet wurde. Das habe ich selber noch erlebt: Als ich 1990 eine Ausbildung zur Großhandelsfrau begann, war ich das (!) Fräulein Möhle. Erklärt wurde dies immer damit, dass interessierte Männer so schon durch die Anrede wüssten, ob eine Frau noch unverheiratet und somit jagbares Wild ist. Dumm nur, dass den Frauen ein gleicher Wissensstand verweigert wurde – so hätte sich gewiss so manches Ehedesaster vermeiden lassen.

Und dann haben wir da ja noch das Weib. Eva war eines, das erste. Damals hieß es „der Mann, das Weib“. Die Bezeichnung Weib gilt inzwischen als veraltet, oder auch ein wenig abwertend. Ich selber kenne es hauptsächlich als scherzhaft gemeinten Ausdruck langjährig verbandelter Paare: „Da vorne kommt mein Weib!“ Es ist übrigens sächlich, das Weib, nicht weiblich. Das, nicht die, warum auch immer. Das mit den Artikeln versteht ja sowieso kein Mensch.

Und so schließe ich mit den Worten des weisen Mark Twain, der in seinem Essay über die schreckliche deutsche Sprache klagte:

Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübe eines hat. Man denke nur, auf welche übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welche dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber.

(Mehr lesen über die schreckliche deutsche Sprache)

10 Kommentare zu “Schön ausgedrückt – geschlechtliche Inkonsistenzen 1: Anreden

  1. Das war wieder mal eine nette Morgenlektüre, die mir ein Schmunzeln ins Gesicht trieb. Aber tatsächlich hab ich darüber auch schon öfter nachgedacht, kanns aber nicht so schön in Worte fassen wie du.
    Liebe Grüße von der Dame Rita

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  2. Komisch, ist mir noch nie aufgefallen. Dabei habe ich schon oft darüber nachgedacht, warum es wohl „der Junge“ aber „das Mädchen“ heißt. Sehr feine Lektüre für den Sonnabend-Morgenkaffee! Schönes Wochenende, Stefanie

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  3. Liebe Meike,

    eine interessante Betrachtung eines interessanten Themas.

    Zwei Anmerkungen dazu:

    Die Anrede „Dame“ ist teils doch gebräuchlich, wenn auch selten in Bezug auf eine bestimmte Frau, sondern eher in Bezug auf eine unbestimmte Vielzahl: „Sehr geehrte Damen und Herren“, wobei die Damen sogar durchweg zuerst genannt werden. Die Variante „Sehr geehrte Herren und Damen“ ist mir noch nicht untergekommen. Habe ich gebräuchlich geschrieben? Das wandelt sich vielleicht gerade ..

    Betrachtenswert sind aus meiner Sicht auch die Bedeutungen der beiden von den Damen und Herren abgeleiteten Adjektive!

    Viele Grüße

    Harry

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  4. Lange Zeit hielt sich ja der Begriff „Frollein“ noch als Berufsbezeichnung, entsprechend dem „Herr Ober“ in der Gastronomie. Diese Anreden sind seit einiger Zeit nicht mehr gebräuchlich. Jetzt werden sie von mir immer mit „Hallo“ angeredet, auf das Herr oder Frau davor verzichte ich. Aber ist das denn Korrekt? Mit der Bitte um Aufklärung.

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    • Hmmm, nur Hallo ist sicherlich korrekter als Herr Hallo. Ich sage auch immer Hallo. Aber wahrscheinlich ist das auch eine Frage der jeweiligen Situation und des Geschmacks, wie man das Gastronomiepersonal auf sich aufmerksam macht. Ich habe schon Kellner erlebt, die auf ein „Hallo“ auch nur grüßten und an mir vorbeirannten – und nicht wiederkamen. Und ein quer durch das Lokal gebrülltes „Hallo“ ist wahrscheinlich auch nicht hilfreich. Was mir allerdings immer seltsam vorkommt, ist das fragende „Entschuldigung?“, wenn jemand was bestellen möchte – denn ich drohe ja mit Umsatz, dafür möchte ich mich als Kunde eher nicht entschuldigen. Und auf die schüchterne Frage „Können wir zahlen?“ antworten immer einige ganz humorige Kellner mit „Das hoffe ich doch!“.
      im Idealfall muss man den Kellner/die Kellnerin ja eigentlich gar nicht auf sich aufmerksam machen – eigentlich sollten die den Kunden doch alle Wünsche von den trüben Augen ablesen. Oder so …

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