Der Sucher im Müll

Ein freier Tag unter der Woche, und dann noch bei prachtvollem Wetter – was für ein Geschenk. Gerade nach der letzten vollgepackten Zeit genieße ich es, mit einer großen Tasse Milchkaffee auf dem Balkon zu sitzen und meinen Vorrat an Blogbeiträgen wieder aufzufüllen – das wird ganz nötig Zeit. Und immer wieder lasse ich mich ein bisschen hängen, halte liebevoll meine Tasse fest und starre vor mich hin. Zeit haben – so muss ein freier Tag sein.

Meine Schreiboase im Sommer – klein, aber fein

Und während ich so starre, bemerke ich vorne auf unserer Einfahrt eine Bewegung. Ich kann das nicht so richtig gut sehen, mein Blick fällt nur durch eine schmale Öffnung zwischen Balkonmauer und Wand, also mache ich mich lang. Ich sehe eine Person – ob Mann oder Frau kann ich gar nicht erkennen – die in den Mülltonnen herumsucht, die bei uns vor dem Haus stehen und auf Abholung warten. Gelber Punkt und Restmüll stehen dort dieses Mal. Sollte da wirklich etwas drin sein, das noch jemand gebrauchen kann? Anscheinend, denn die Person zieht etwas heraus, steckt es in eine Tüte und verschwindet damit.

Mülltonnen

Blick vom Balkon auf unsere Mülltonnen

Und ich bleibe nachdenklich oben sitzen, mit Kaffee und einem komischen Gefühl. Wieder einmal frage ich mich, was los ist in diesem Land, in dem es mir so gut geht und andere anscheinend nur mit dem Durchforsten von anderer Leut’s Abfall über die Runden kommen. Und ich frage mich wie schon so oft, ob es wirklich nötig ist, im Müll zu wühlen. Haben diese Leute wirklich keine andere Möglichkeit? Haben sie alles beantragt, was ihnen zusteht, oder lassen sie es aus Scham oder falschem Stolz bleiben? Und sind diese Leute alle schuldlos an ihrer Situation, oder sind auch welche dabei, die eine normale Arbeit noch niemals für sich in Betracht gezogen haben? Auch sowas soll es ja geben.

Um es ganz klar zu sagen: Ich habe kein schlechtes Gewissen deshalb, dass es mir finanziell recht gut geht. Ich habe all die Jahre gearbeitet, mich fortgebildet und auch mal mehr gemacht, als eigentlich im Vertrag stand. Soweit, so gut. Mir ist aber auch klar, dass nicht jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten hat und dass das Einkommen in diesen wie den meisten anderen Ländern ungleich verteilt ist. Deshalb frage ich mich oft, ob die soziale Sicherung, wie sie hier existiert und die ja wirklich extrem knapp gehalten ist, wirklich gerecht ist. Arbeitslosengeld 2 oder die Grundrente reichen gerade mal eben zum Überleben – ist das gerecht und vor allem sinnvoll? Ich bin mir da zutiefst unschlüssig.

Natürlich möchte ich mit meinen Steuern und Sozialabgaben niemanden finanzieren, der schlicht keine Lust hat zum Arbeiten – aber sind das wirklich so viele? Ich verstehe auch, dass es vom Einkommen her einen Unterschied geben muss zwischen bezahlter Arbeit und sozialen Transferleistungen – aber sind dann nicht vielleicht die einfachen Jobs zu schlecht bezahlt? Der Mindestlohn ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung, aber wenn ich damit auskommen müsste, würde auch ich mir vielleicht ab und zu überlegen, ob ich morgens nicht lieber liegen bleibe (das würde ich wohl nicht tun, das habe ich nie gemacht).

Wie schon so oft hat mich der Sucher im Müll nachdenklich gemacht. Ich bin unentschlossen, weiß nicht, was ich darüber denken soll. Aber ab und zu darüber nachzudenken, schadet wahrscheinlich nicht – auch wenn es zu keinem Ergebnis führt.

3 Kommentare zu “Der Sucher im Müll

    • Ja, eben. Ich denke eigentlich, dass wohl der geringere Teil die Leistungen ausnutzt und der größere die Hilfen wirklich nötig hat. Daher werden wir die Trittbrettfahrer wohl in Kauf nehmen müssen. Schlimm nur, dass wegen den wenigen, die das System ausnutzen, alle wirklich Bedürftigen weniger bekommen.

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  1. Vor einiger Zeit kam eine Reportage über Familien am „Existenzminimum“. Eine Familie ist uns sehr aufgefallen. Sie war 5köpfig und die Eltern wollten nicht arbeiten. Im Hintergrund sah man einen sehr großen Flachbildfernseher, einen Computer, PlayStation und die Eltern rauchten. Die Kinder wurden gefragt, wie ihr Leben mal aussehen soll und sie meinten, sie wollen ebenfalls mal von Sozialhilfe leben. Und dann regte sich der Mann auf, dass es so wenig wäre, sie nicht in den Urlaub fahren könnten u.s.w. Daraufhin wurde aufgelistet, was sie alles bekommen: Sozialhilfe, Kindergeld, Wohngeld… Da stellte mein Mann fest, dass diese Familie ohne zu arbeiten nur etwa 200 Euro weniger im Monat hat, als er verdient.
    Klar ist das gerade ein extremes Negativbeispiel. Aber ich kenne es leider auch andersrum. Meine Schwägerin arbeitet voll und verdient gradesoviel, dass sie über die Runden kommt, dass sie gerade oberhalb der Grenzen zum Beantragen von z.B. Wohngeld liegt. Bekäme sie Sozialhilfe und Wohngeld und alles andere, was man noch zusätzlich beantragen kann, hätte sie mehr.
    Manchmal fragt man sich, was da noch gerecht ist…
    Ich bin sehr dafür, dass ehrliche Arbeit entsprechend bezahlt wird. Gerne wäre ich dafür bereit, für einige Dinge mehr zu bezahlen, aber das ist ja nicht möglich. Vor allem käme es wohl auch nicht bei den eigentlichen Arbeitern an, sondern würde eher als Mehrgewinn in der Manageretage bleiben…
    LG von TAC

    Gefällt 2 Personen

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