Hierarchie in Tüten

Kürzlich hatte ich meine Freundin Kerstin aus Hamburg zu Besuch. Wir kennen uns schon über 20 Jahre und in all der Zeit haben sich gewisse Rituale entwickelt – solche angenehmen Dinge wie lange zu frühstücken oder bestimmte Orte besuchen. Wenn wir gemeinsam in Frankfurt sind, gehört zum Beispiel ein Besuch einer großen Parfümerie auf der Zeil immer dazu. Das hat verschiedene Gründe, führte aber dieses Mal zu einer ausgedehnten Sozialstudie, die uns, weil wie die Sache nicht so ernst nahmen, viel Spaß machte. Aber eigentlich ist das total doof.

Um die Sache genauer zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen. Ich war nämlich vor etwa zwei Jahren auch einmal in diesem Tempel der Düfte und machte damals eine Beobachtung, die ich seitdem schon mehrfach verifizieren konnte: Der Laden ist streng hierarchisch organisiert und strukturiert. Damit meine ich nicht nur, dass die meisten Stockwerke den Damen vorbehalten sind – immerhin hat man den Herren das Kellergeschoss gelassen – sondern auch die Anordnung der Produkte speziell im Duftbereich, sowie die Behandlung der Kunden, die sich dort unbedarft tummeln.

Duftwässerchen der unterschiedlichsten Preisklassen

Vor zwei Jahren wollte ich meiner Schwester ein Duftwässerchen zum Geburtstag kaufen. Ich hatte sie nach ihren Wünschen gefragt und eine diffuse Antwort bekommen: „Ach, weiß ich auch nicht. Mal was Neues. Such‘ du was aus!“ Aha, na gut. Eigentlich kein Problem, ich kaufe ja für mein Leben gerne sowas ein und benutze es auch viel. Also frohen Mutes hinein in den Dufttempel, die Rolltreppe hoch und umgucken. Wie üblich liefen Schwärme von Verkäuferinnen herum und ich dachte, warum nicht mal beraten lassen? Ich quatschte also eine der Damen an, beschrieb mein Begehr und fragte nach einem Tipp. Die Antwort war ernüchternd: Nach einer kurzen Musterung meines wie üblich legeren Erscheinungsbildes – und damit meine ich nicht, dass ich aussah wie die letzte Trümmerlotte – nickte sie kurz und wies mit einer lässigen Handbewegung auf die Wand gleich an der Treppe. Da solle ich mal gucken, da würde ich schon irgendwas finden. Hmpf, na bravo, danke für das Gespräch.

Ich tappste also an die ausgewiesene Wand und schnüffelte etwas herum. Es gab dort eher günstige Produkte, stellte ich fest, an dieser Wand und den umstehenden Tischen waren eher so der „Mainstream“ und die Sonderangebote aufgestapelt. Das machte mir erst mal nichts aus, ich kaufe ausgesprochen gerne Sonderangebote. In diesem Falle merkte ich mir das eine oder andere Produkt und schnupperte mich weiter durch den Laden. Ich fand die mittelpreisigen Produkte und war irgendwann wohl in der ganz teuren Ecke. Dort wurde ich ganz plötzlich wieder von der gleichen Verkäuferin angesprochen: „Sie wissen schon, dass Sie hier in einer ganz anderen Preisklasse gelandet sind?“ Das war mir nicht wirklich bewusst gewesen, es machte mir aber auch nichts aus – schließlich habe ich nur eine liebe Schwester, und der kann ich auch mal was Teures aussuchen, wenn mir danach ist. Was mich aber völlig verblüffte, war der Tonfall, den die Dame anschlug. Den fand ich bestenfalls … unangemessen. Ich antwortete also ebenso arrogant: „Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich sparen muss.“ Und da ging eine Veränderung in der Dame vor: Plötzlich wurde ich interessant. Anscheinend witterte sie das große Geschäft, vielleicht bekam sie auch für gewisse Produkte Provision – ich weiß es nicht, und es geht mich auch nichts an. Auffällig war jedoch das plötzlich komplett andere, kundenfreundliche Verhalten. Ich wurde beraten, Flakons wurden extra für mich ausgepackt, duftende Pappstreifchen wedelten vor meiner Nase herum. Und als ich mich entschied, nicht nur ein Fläschchen zu kaufen, sondern gleich zwei (damit ich nicht neidisch auf meine Schwester sein müsste – Neid ist schließlich eine Todsünde!), rannte die Dame los, um mir noch extra Proben und eine besondere Creme zu besorgen, außerdem Rabattgutscheine und Gedöns. Ich war platt.

In den vergangenen zwei Jahren konnte ich nun mehrfach beobachten, dass Käufer aus der teuren Ecke, zu denen ich manchmal, aber nicht immer gehöre, deutlich bevorzugt behandelt werden. Und jetzt nähere ich mich wieder dem letzten Wochenende, an dem ich mit Kerstin einkaufen war. Dieses Mal erlebten wir die Zwei-Klassen-Gesellschaft hautnah.

Wie üblich schlenderten wir erst ein wenig herum, wurden auch von Verkäuferinnen angesprochen und lehnten Beratung zunächst ab, weil wir einfach nur gucken wollten. Kerstin hatte jedoch ein Ziel, sie wusste schon, was sie haben wollte. Und ich guckte mal wieder hier und da, unsere Wege trennten sich. Kerstin fand irgendwann ihr Produkt – es war im Sonderangebot. Darüber freute sie sich und ging schon mal zahlen. Als sie wieder auf mich zukam, sah ich gleich, das etwas nicht stimmte: Denn statt der schönen Tüte, die es sonst immer in diesem Laden gab – die meisten Leser kennen sie wahrscheinlich, es sind diese Taschen aus glänzendem Papier mit der Kordel obendran – hatte sie eine ganz dünne, lumpig aussehende kleine Plastiktüte bekommen. „Guck mal, was die hier jetzt für komische Tüten haben!“, sagte sie und wedelte klagend mit dem Säckchen.

Ich hatte mich inzwischen auch für ein Produkt entschieden, das mir eine Verkäuferin aus einer niedrigen Schublade geben musste – da bekommt der Ausdruck „Bückware“ doch gleich ein ganz anderes Gepräge. Übrigens durfte erst die dritte Verkäuferin, die sich um mich bemühte, tatsächlich die Ware dort rausgeben. Anscheinend muss man sich zum Verkaufen in der teuren Ecke erst hochdienen. Die, die es schließlich durfte, war aber sehr nett und drückte mir gleich noch vier Proben zusätzlich in die Hand (die ich hinterher natürlich mit Kerstin teilte).

An der Kasse das übliche Gewese für die Nicht-Sonderangebotler: „Haben Sie eine Kundenkarte? Darf ich Ihnen hier noch einen Gutschein dazugeben? 10% auf Ihren nächsten Einkauf … Und dann habe ich hier noch ein paar Cremeproben, und hier ist noch ein ganz neuer Duft! Tragetasche?“ Eigentlich brauchte ich keine, ich habe immer einen Rucksack dabei, aber das wollte ich nun doch mal wissen. Und tatsächlich bekam ich eine schöne, glänzende Papiertüte, voll mit Zugaben und Zeug. Kerstins Gesicht, als ich damit strahlend herüberwinkte, war wirklich filmreif.

Natürlich ist es total egal, was für eine Tüte man bekommt, wenn man ein Parfüm kauft. Doch diese Ungleichbehandlung in diesem Laden ist so auffällig, dass es schon eine gewisse Komik hat. Ich weiß auch nicht, was das Unternehmen sich dabei denkt – damit machen die sich doch keine Freunde.

Wie haben uns den Rest des Tages über Kerstins kleine Tüte amüsiert. Wann immer sie mir widersprechen wollte, musste ich nur auf das armselige Beutelchen deuten und sie wusste, wo der Hammer hing. Kleinlaut wurde ich nur, als wir beim Kaffeetrinken saßen und eine Asiatin das Café betrat, die eine bestimmt 50 X 50 cm große glänzende Papiertüte dieses Ladens dabeihatte. Die war ja dreimal so groß wie meine – die Dame musste irgendwas verdammt richtig gemacht haben. Bewundernd sah ich sie an, und hätte sie etwas zu mir gesagt, hätte ich es nicht gewagt, zu widerspechen. Gegen so eine tütorale Machtdemonstration hätte ich nicht anstinken wollen.

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