Glück aus der Flasche

Am Wochenende hatte ich Besuch von einer lieben Freundin aus Hamburg. Wir leerten ein paar Fläschchen – unter anderem Sekt und roten Weinbergspfirsichlikör – lecker! Natürlich wissen wir, das man das nicht jeden Tag tun sollte und dass es kein dauerhaftes Glück aus der Flasche gibt. Aber so ab und zu ein kleiner Schwips ist für uns was Feines.

Der Protagonist dieser kleinen Geschichte macht es anders: Er findet sein Glück durch die Flasche – der Inhalt ist dabei nebensächlich. Undenkbar?  Ich glaube nicht …

Glück aus der Flasche

Sekt und Likör – keine alltägliche Kombination

Hugo hütete seine Cognacflasche sorgfältig. Einmal im Leben hatte er einen mächtig teuren Cognac bekommen, als es im Job für eine kurze Zeit richtig gut gelaufen war. Sein Chef war damals der edle Spender gewesen, der trank nämlich selber keinen Cognac und hatte die Flaschen von einem Lieferanten geschenkt bekommen. Hugo, damals noch ein ganz kleiner Angestellter von untergeordneter Bedeutung, hatte den Schnaps zusammen mit seinem Schwiegervater getrunken, auf jeder Familienfeier ein Gläschen. Als die Flasche leer war, war auch die Ehe am Ende, alles was blieb war Leergut.

Doch was Hugo mit seiner Ehe nicht gelungen war, erreichte er mit seiner Cognacflasche: erfolgreiche Wiederaufbereitung. Er füllte den schweren Glasbehälter mit Weinbrand der Marke Rachenputzer immer wieder auf und bewirtete seine Gäste damit. Das verschaffte ihm den Ruf eines echten Spirituosenkenners und wenn er einmal wo eingeladen war, sei es im Familien-, Freundes oder Kollegenkreis, reichten ihm alle nur die edelsten Getränke. „Bloß keinen Fusel für Hugo“, lautete die Devise, denn Hugo selber servierte ja nur den edelsten Stoff. Und alle lobten und hudelten Hugos billiges Gesöff, wenn sie es mit halbgeschlossenen Lidern genüsslich verkostet hatten. Sodbrennen und Schädelweh brachte niemand damit in Verbindung.

Und so verstand auch Hugo endlich das Leben an sich: ‚Marketing ist alles‘, dachte er. Deshalb verschaffte er sich selbst eine neue, schönere Verpackung: Er kaufte zwei gute Anzüge, rasierte den Schnauzbart ab und leaste einen glänzenden Wagen. Er fand eine neue Frau, jünger und schöner als die alte, servierte ihrem Vater tatsächlich einen guten Cognac und erhielt als Mitgift die Teilhaberschaft an einer mittelständischen Schnapsfabrik. Alles war gut. Seine alte Flasche aber, noch zur Hälfte gefüllt mit billigen Zeug, stellte er in seinem Geschäftsführerbüro in die Vitrine. Manchmal, nach sehr guten Tagen, gönnte er sich und seinen engsten Mitarbeitern davon einen kleinen Schluck – gerade groß genug, um sich daran zu erinnern, wem er sein Glück eigentlich verdankte.

2 Kommentare zu “Glück aus der Flasche

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