Manchmal vermisse ich Herrn D.

Wie schon des Öfteren erwähnt, gehe ich gerne schwimmen. Das ist schon immer so, als Kind verbrachte ich im Sommer fast meine gesamte Freizeit im Rasteder Freibad. Das war damals schon schön, mit einem Schwimmerbecken mit 50-Meter-Bahn, einem separaten Sprungbecken sowie natürlich Nichtschwimmer- und Planschbecken. Es hatte ein großzügiges Gelände mit Liegewiesen, Platz zum Ballspielen und einen Kiosk, vor dem ich Stunden mit der Entscheidung zubrachte, ob ich meine 50 Pfennig lieber für ein Himmi Jimmi und zwei Gummischlangen oder für ein Perli Pop ausgeben wollte – in letzterem Fall mussten die Schlangen entfallen.

In diesem Schwimmbad war ich im Schwimmverein aktiv, und als kleines Kind hatte ich dort meinen Schwimmkurs, den ich stolz und erfolgreich mit dem Seepferdchen abschloss. Außerdem stürzte ich mich am gleichen Tag todesmutig vom Dreimeterbrett, was vom Schwimmmeister mit einem Eis belohnt wurde. Und dieser Schwimmmeister war Herr D..

Herr D. war eine Persönlichkeit. Jeder im Ort kannte und respektierte ihn. Noch Jahre nach seiner Verrentung schallte es überall „Hallo, Herr D.!“, wenn er auf seinem Fahrrad herumfuhr. Er war bekannt und beliebt, obwohl er immer furchtbar streng gewesen war. Gerade diese bademeisterliche Strenge wünsche ich mir jetzt manchmal, wenn ich in Frankfurt schwimmen gehe, neben mir die zahlreichen Nichtschwimmer fast im Schwimmerbecken ersaufen und von allen Seiten pubertierende Jugendlichen ins Wasser springen, wo sie das gerade nicht tun sollten. Inzwischen weiß ich nämlich, wie gefährlich so etwas werden kann, und verstehe, warum unser alter Bademeister oft so knurrig war.

Denn Herr D. war fast alleine. Er betreute das riesige Bad damals als verantwortlicher Schwimmmeister, nur unterstützt von einigen wenigen Leuten von der DRLG. Die waren gewiss eine große Hilfe, aber die Verantwortung ruhte auf Herrn D.. Heute kann ich mir vorstellen, wie anstrengend es gewesen sein muss, an heißen Sommertagen die Augen überall gleichzeitig zu haben und zu verhindern, dass es zu Unfällen kommen konnte. Es ist ihm weitgehend geglückt, das von ihm betreute Bad galt als sicher und war immer gut in Schuss.

Um dieses Ziel zu erreichen, war eine gewisse Strenge gerade an den langen warmen Sommertagen nötig. Herr D. zeigte sich hier wenig diplomatisch, Verwarnungen wurden meistens via Lautsprecher quer durch das Bad gedonnert: „Wenn dieser Qutasch im Sprungbecken nicht aufhört, wird die Anlage gesperrt und ihr geht alle nach Hause!“ So etwas war keine leere Drohung: Herr D. hatte die Macht und das wurde von niemandem angezweifelt. Wenn also der Ruf: „Hinni Mustermann hat eine Woche Badeverbot!“, durch das Bad schallte, sah man den Übeltäter kurze Zeit später mit hochrotem Kopf aus dem Bad flitzen – gerade, dass man ihm noch die Zeit ließ, seine Sachen zusammenzuraffen.Freibad Rastede, Schwimmerbecken

Auch ich wurde manchmal verwarnt, aber weniger wegen gefährlichen Unfugs in den Becken als vielmehr wegen pubertärem Mädchenquatsch in den Umkleiden. An kühleren Tagen saßen wir hier gerne herum, im nassen Badeanzug und in unsere fast genauso nassen Handtücher gewickelt. Es wurde gegackert, auf den Bänken herumgeturnt und herumgerannt, bis die erste ausrutschte, hinknallte und ein Pflaster brauchte. Wenn der Unsinn überhandnahm, brüllte Herr D. von der Tür aus in die Umkleide hinein, und er wusste immer genau, wer dort gerade Blödsinn machte: „Meike und Lieselotte, ihr zieht euch jetzt an und kommt da raus! Hier ist kein Spielplatz, und ihr holt euch was weg in den nassen Sachen!“ Ja, gut, er hatte ja recht. Trotzdem fand ich das blöd.

Auch heute machen die „Kids“ noch Quatsch in den Umkleidekabinen. Als erwachsenem Badegast ist mir das furchtbar lästig und ich wünsche mir manchmal einen Herrn D., der sowas unterbindet. Ich wünsche mir jemanden, der konsequent die Nichtschwimmer aus dem Schwimmerbecken jagt und die Kinder mit den Schwimmflügeln aus dem Wellenbecken verbannt – auch wenn deren Eltern meutern, weil es langweilig ist, immer nur im Nichtschwimmerbereich herumzustehen. Sollen sie ihren Kindern halt Schwimmen beibringen. Lange Rede, kurzer Sinn: Manchmal vermisse ich Herrn D.. Das soll übrigens nicht heißen, dass die Leute in den türkisfarbenen T-Shirts der Frankfurter Bäderbetriebe keine gute Arbeit leisten. Ich finde nur, sie sind manchmal fast zu nett zu den allzu risikofreudigen oder unbelehrbaren Badegästen.

Nachtrag: In meiner Urlaubswoche war ich mit meiner Schwester mal wieder im Rasteder Freibad. Es fühlt sich für mich immer noch an wie das gelobte Land. Im Nichtschwimmerbecken fand ein Schwimmkurs statt und wenig später wurde „im Tiefen“ irgendein Schwimmabzeichen abgenommen. Ich würde sagen, da ist Hoffnung – auch wenn keiner durch den Lautsprecher gemeckert hat.

3 Kommentare zu “Manchmal vermisse ich Herrn D.

    • Die mochte ich geschmacklich überhaupt nicht (Lakritze 😦 ), habe sie aber trotzdem manchmal gekauft, weil man damit so schön herumspielen konnte: In Einzelfäden zerlegen, wieder zusammenknoten, ums Handgelennk binden …

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