Ein Hoch auf gute Nachbarschaft

Kürzlich hat jemand, der sich als Politiker bezeichnet, über Nachbarschaft geredet – oder vielmehr darüber, wen man sich als Nachbarn wünscht oder auch nicht. Das hat mich dazu gebracht, mal über meine – gute – Nachbarschaft nachzudenken.

Ich wohne in so einer Art kleinem Hochhaus, 40 Parteien verteilen sich auf insgesamt acht Flure. Überall hat es also fünf Wohnungen übersichtlich zusammen. Ich muss gestehen, dass ich nicht alle meine Nachbarn namentlich kenne, sondern sie oft nur durch Beschreiben unterscheiden kann: die mit dem Baby aus dem ersten Stock, die Dame mit den Gehstöcken, der Opa von dem Baby (der wohnt im fünften Stock und hat eine kranke Frau) und die mit dem fiesen Hund (der dürfte gerne ausziehen). Andere kennt man, weil man öfters einen Schwatz hält oder weil man auf einem Flur wohnt.

Blick von meinem Balkon durch meine nagelneue Fotokugel – ein Versuch. Weitere werden folgen.

Und da nähern wir uns dem, was dem Herrn, der sich als Politiker bezeichnet und glaubt, für eine Mehrheit zu sprechen, so eingefallen ist: Dass nämlich „die Leute“ jemanden mit kunterbuntem Migrationshintergrund nicht als Nachbarn haben möchten. Das mag es sicherlich geben, wahrscheinlich auf dem Land, wo kaum Ausländer sind, noch mehr als hier bei uns in der Großstadt. Sehe ich mir aber meine Nachbarschaft an, stelle ich fest, dass das, was die Leute angeblich keinesfalls wollen, bei uns schon Realität ist: Wir leben in einem Vielnationenhaus. Bei mir auf dem Flur sieht das so aus: Die alte Dame, die meinen Schlüssel hat und meine Post verwaltet, wenn ich im Urlaub bin, ist Deutsche, wurde aber dort geboren, wo heute wieder Polen ist. Die Leute daneben – übrigens unser Hausmeisterpaar – sind Griechen. Rechts neben mir wohnen ein junger Russe mit seltsamem Namen, den ich mir nie merken kann, mit seiner Freundin, und auf der anderen Seite haben wir Sladja aus Serbien, mit der ich öfters mal Kaffee trinke, und ihren Sohn David. Das passt für mich wunderbar so. In den anderen Stockwerken sieht es genauso bunt und vielfältig aus. Auch die unvermeidliche Studenten-WG und das Schwulenpaar fehlen bei uns im Haus nicht. Konflikte, die über kleine Nicklichkeiten wie „am Donnerstag hat dein Besuch auf meinem Parkplatz gestanden“ hinausgehen, wären mir bislang nicht untergekommen. Ich habe auch den Eindruck, dass die Leute zu den kleinen dunkelhäutigen Kindern genau so nett sind wie zu dem niedlichen Blondkopf.

Bei uns klappt das mit dem Multikulti also soweit sehr gut. Das mag daran liegen, dass bei uns bei den Ausländern keine Nation wirklich „die Überhand“ hat, es gibt keine Frontenbildung, sondern eher ein vorsichtiges Interesse aneinander. Das ist sicherlich anders, wenn größere Gruppen ständig zusammenglucken, auch wenn ich das aus deren Sicht verstehen kann: Die gleiche Sprache, Kultur und ähnliche Erfahrungen schaffen ein schönes warmes Gefühl, dass auch ich wohl nicht würde missen wollen, wenn ich – vielleicht ohne es zu wollen – fernab meiner Heimat leben müsste. Auch hat es sich mit der Zusammensetzung im Haus einfach so ergeben, ohne Einmischung von außen.

In Frankfurt sind inzwischen so viele Ausländer, dass mir das kaum noch auffällt, wenn jemand „fremd“ aussieht. In der norddeutschen Tiefebene, wo ich öfters unterwegs bin, ist das deutlich anders, ich glaube, die einzige Ausländerin, die mein Neffe während der Grundschulzeit kennenlernte, war ein Mädchen aus Holland. Das erinnert mich sehr an meine Kindheit, auch wir hatten nur eine einzige Türkin in der Klasse. Die wohnte zum Glück in meiner Nachbarschaft, sodass ich sie und ihre Familie recht gut kennenlernen konnte. Es gab aber damals noch Kinder, die nicht mit der Türkin spielen durften und auch „das Türkenhaus“ nicht betreten durften (was bedeutete, dass sie auch mit den anderen Kindern in diesem Haus nicht spielen durften). Ich hoffe, dass diese Zeiten auch dort inzwischen vorbei sind, würde meine Hand aber nicht dafür ins Feuer legen. Oftmals fürchtet man ja gerade das, was man nicht kennt. Ich habe als Kind sehr davon profitiert, oft im „Türkenhaus“ gewesen zu sein. Der Bruder meiner Freundin hat mich sogar so beeindruckt, dass ich meine Puppe unbedingt „Achmed“ nennen wollte (davon an dieser Stelle mehr).

Alles in allem war und bin ich also zumeist sehr zufrieden mit meiner Nachbarschaft. Sollten irgendwelche Fußballnationalspieler bei uns einziehen wollen, wäre das für mich auch okay, solange sie nicht herumlärmen und keinen Schmutz hineinbringen. Das ist hier nämlich ein ehrenwertes Haus.

 

Nachtrag: Während ich hier am Werkeln war, hat es bei mir geklopft. Zwei meiner Nachbarinnen standen draußen und machten mich darauf aufmerksam, dass mein Schlüssel draußen hing – den habe ich gestern bei dem Versuch, trotz Platzregen möglichst wenig Nässe mit in die Wohnung zu schleppen, glatt aus den Augen verloren. Nun hängt er wieder sicher am Haken.

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