Christian

Puppe

Angeschmuddelt, nackt und bloß …

Lange hatte ich nicht an ihn gedacht, ihn sogar ganz und gar vergessen. Doch als meine Schwester von einigen Wochen anrief und mir sagte: „Ich habe Christian gefunden!“, wusste ich sofort, wen oder was sie meinte: Meinen Christian, die alte blondgelockte Puppe mit dem roten Anzug.

Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, als ich Christian bekam – vielleicht vier oder fünf. Auf jeden Fall war ich noch so klein, dass ich noch keine Schleife binden konnte: Das lernte ich nämlich an dem orangefarbenen Puppen-Strampelanzug, den Oma für Christian gestrickt hatte.

Christian war ein recht modernes Spielzeug, er konnte nämlich Sachen machen, die über das Auf- und Zuklappen seiner blauen Augen hinausging: Drückte man auf seinen Bauch, konnte er lachen oder weinen. Das war laut und funktionierte wohl mit einer Art Zufallsgenerator, denn man wusste beim Bauchdrücken nie, ob man ein schrilles Gelächter oder ein blechernes Geheul bekam. Dieses Getöse führte dazu, dass meine Eltern irgendwann die Batterien nicht mehr wechselten und es sich ausgescheppert hatte. Mir gefiel Christian auch ohne die Geräuschkulisse ausgesprochen gut und ich fragte nie nach einer neuen Batterie. Dass die Alte irgendwann auslief und eine schreckliche Schweinerei verursachte, war Pech und führte dazu, dass Christian ins Krankenhaus und von Mama operiert werden musste. Die beeindruckende Narbe sieht man noch, sie ist aber ehrlich gesagt hübscher als der Reißverschluss, der früher den Puppenrücken zierte.

alte Puppe

Frisch gebadet und im guten Anzug

Woran ich mich nicht erinnere, ist die Kleidung, die mein Puppenkind ursprünglich trug. Unsere Puppen hatten größtenteils selbst gestrickte oder genähte Kleidung, was zum einen daran lag, dass fertige Puppenkleidung teuer war, zum anderen aber auch daran, dass sowohl unsere Mutter als auch die Oma viel Spaß am Puppenkleider herstellen hatten (unsere Billig-Barbie hatte sogar gehäkelte Bikinis).  Was ich aber noch ganz genau weiß ist, wie schwierig es war, für das Puppenkind den richtigen Namen zu finden. Eine Zeitlang wechselte der Name täglich, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Dann hieß der Puppenjunge ein paar Tage lang Achmed wie der Bruder meiner Freundin Mürvet, der mich aus irgendeinem Grund beeindruckt hatte. Meine Mutter fand, dass mein Püppchen Achmed nicht ähnlich sehe – damit hatte sie nicht unrecht. Und so wurde es nach einem endlosen Hin und Her irgendwann der Name Christian, den meine Puppe bekam und behielt.

Als ich nach dem Studium bei meinen Eltern auszog, habe ich nicht alles Spielzeug mitgenommen – das meiste war ohnehin schon weg. Und als meine Eltern das große Haus abgaben, ist einiges bei meiner Schwester gelandet. Als sie einige Kisten für den Flohmarkt sichtete, fiel ihr Christian in die Hände: schmutzig, klebrig und ein wenig heruntergekommen. Sie wusch seinen roten Anzug und das Hemdchen, das wohl in einem früheren Leben ein Damennachthemd gewesen sein mochte, und ich badete ihn in der Spüle, wo er wieder hübsch sauber wurde. Jetzt sitzt er neben Mäxchen, dem Teddy, sowie dem Esel, dem Affen und dem Monchichi in meinem Gästezimmer. Wenn ich ihn sehe, muss ich lächeln, und Gäste müssen wahrscheinlich lachen. Ein bisschen albern ist es zwar, das alte Zeug noch aufzuheben, aber den armen Christian einfach wegzuschmeißen, brachte ich einfach nicht über mich.

 

Nachtrag: Im Nachhinein betrachtet ist es übrigens gut gewesen, dass ich den Namen Achmed verworfen habe, denn dieser Junge – oder eher der junge Mann – sank ein paar Jahre später deutlich in meiner Achtung. Der hat mich nämlich eines Tages, als ich bei seiner Schwester zum Spielen war, einfach nach Hause geschickt. Zugegebenermaßen wegen groben Unfugs, aber das sah ich damals überhaupt nicht ein! Nicht auszudenken, wenn meine Puppe dann diesen Namen getragen hätte …

3 Kommentare zu “Christian

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