Im Wettfieber

Wenn ich früher von der Neigung der Engländer gehört habe, auf alles und jedes zu wetten, hat mich das immer ein wenig befremdet. ‚Die müssen ja Zeit haben‘, dachte ich, ‚und viel zu viel Geld noch dazu.‘ Auch fand ich die Dinge, auf die man setzen konnte, immer sehr merkwürdig: Sportergebnisse, ja, gut, aber der Name eines neuen royalen Babys? Seltsam …

Inzwischen habe ich gelernt, dass diese Tipperei durchaus einen Zweck erfüllt, der jenseits vom zu erwartenden (oder eher nicht zu erwartenden) Gewinn liegt: Es macht triviale Dinge interessant und hilft, Ödes zu ertragen. So tippten wir ein paar Jahre lang für kleines Geld mit einigen Kollegen auf Germanys next Topmodel, was der langatmigen Sendung durchaus etwas Interessantes verlieh – zumindest solange, bis das Bild der erwählte Grazie am Freitagmorgen mit einem dicken Edding durchgestrichen wurde, weil Heidi am Vorabend leider kein Foto für sie hatte.

TipptabelleDerzeit sind es wieder einmal Fußballergebnisse, auf die überall getippt werden kann. Im Kollegen- oder Freundeskreis, in anonymen Internet-Runden oder ganz professionell in irgendwelchen Tipp-Büros. Ich bin seit 2002 bei einem Tippspiel dabei, dass zwei Freunde von mir organisieren – die machen das schon seit ewigen Zeiten und haben uns eine hübsche kleine Internet-Seite dafür programmiert. Die letzten Jahre war ich immer weit im letzten Drittel der Tipper, was nicht weiter tragisch ist – geht es bei Einsätzen im Centbereich doch eher um Ruhm, Ehre und Spaß als um Reichtum. Besonders gut gefällt mir immer das dazugehörige Quiz, bei dem man so wichtige Fragen beantworten muss wie: „Wie viele Tore fallen während der EM, exklusive Elfmeterschießen?“, oder die Standardaufgabe „Welche vier Mannschaften kommen ins Halbfinale?“. Diese Fragen müssen immer kurz vor Beginn der Hauptrunde getippt werden und natürlich ist es immer eine Tüftelei, die Halbfinalsmannschaften auszurätseln – schließlich will man nicht zu den Dusseln gehören, die zwei Mannschaften eintragen, die im Viertelfinale gegeneinander spielen. Und man will auch nicht zu denjenigen gehören, die fröhlich eine Mannschaft aussuchen, rein nach Sympathie, und dabei übersehen, dass die schon in der Vorrunde ausgeschieden ist.

In diesem Jahr läuft meine Tipperei tatsächlich erstaunlich gut – ich führe sogar gerade die Tabelle an. Das wird sicher nicht so bleiben, doch zu Dokumentationszwecken habe ich dieses Zwischenergebnis im Bild festgehalten – nachdem ich viele Jahre lang der Knaller der Saison war, glaubt mir das sonst kein Mensch. Und wieder spüre ich den Tipp-Effekt: Das Warten auf das Ergebnis macht die Sache für mich deutlich interessanter, sodass sogar solch abseitige Begegnungen wie Schweiz gegen Rumänien eine gewisse Beachtung finden. Und beim letzten Deutschland-Spiel bin ich ganz gegen meine Gewohnheit erst in der zweiten Halbzeit eingeschlafen. Das schaffe ich sonst nur, wenn ich beim Fußballgucken auf einem ganz unbequemen Kneipenstuhl sitze.

Daher möchte ich auch heute nochmal die Gelegenheit nutzen, um unseren beiden Tippspielorganisatoren Martin und Hergen ganz herzlich zu danken: Für die gute Idee, die sie vor vielen Jahren hatten, für die Mühe, die sie sich immer wieder machen, und für die insgesamt liebevolle Rundumbetreuung von uns manchmal schusseligen Tippern. Ihr beiden verschönt uns jeden großen Fußballwettbewerb – danke!

2 Kommentare zu “Im Wettfieber

  1. Sehr gut, Du Profi. Bei der WM vor (ähhh) sechs Jahren glaub ich, wurde eine Freundin von mir mal zu einem Sportjournalisten-Event mitgenommen. Es war irgendein Bundesligaspiel und es wurde auf das Ergebnis gewettet. Gewinn: Eine Reise für 2 Personen nach Südafrika zur WM. Meine Freundin tippte völlig ohne Sachverstand ein total unwahrscheinliches Ergebnis – und gewann die Reise. Die Sportjournalisten gratulierten zwar höflich – grämten sich aber sehr. Liebe Grüße, Stefanie

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    • Ja, der Name Profi begleitet mich durch alle Fußballereignisse seit 2002 und deutet auch auf meinen Sachverstand hin 🙂 Im Moment kriege ich immer empörte Nachrichten von Freunden: „Das kann ja wohl nicht angehen!“ Doch!

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