Kein Empfang

Wenn ich zu meiner Schwester in die tiefsten Tiefen der norddeutschen Tiefebene reise, komme ich in eine andere Welt. Nicht nur, weil dieser Landstrich in der Wesermarsch ganz anders aussieht als mein geliebtes Frankfurt, sondern auch wegen einer Eigenheit der ländlichen Infrastruktur: Denn Moorhausen – so heißt das da – liegt nicht nur genau zwischen Oldenburg und Paradies, sondern auch in einem dieser weißen Löcher Deutschlands, in denen ein schneller Internetempfang oder eine Überallverfügbarkeit von Handysignalen einfach nicht gegeben ist. Ich habe dort zumeist keinen Empfang – mit nichts. Mein Handy moppert herum und schweigt beredt: „Sie sind offline“, sagt es mir dann gerne, oder auch: „Ihre Verbindung zum Internet ist schwach!“ Ich logge mich dann ins häusliche WLan ein, nur um festzustellen, dass es instabil und laaaaangsaaaaam ist.

Nun bin ich nicht handy- oder internetsüchtig und ich bin auch keine 14 mehr, so dass ich nicht ständig per WhatsApp erreichbar sein muss. Aber ungewohnt ist es doch: Nicht mal eben gucken, was so los ist in der Welt. Nicht schnell googlen, wenn im Gespräch eine Frage auftaucht, die man nicht aus dem Kopf beantworten kann. Nicht immer für jeden erreichbar sein. Ich bin zwar objektiv betrachtet nicht so wichtig, dass das nötig wäre, aber schön wäre es doch. Immer mal wieder erzählen mir Freunde, dass sie versucht hätten, mich dort anzurufen – zwei Tage später, wenn ich das weiße Loch verlasse, erscheinen dann tatsächlich Anrufe und Nachrichten auf dem Display. Und eine Freundin, die mich bei meiner Schwester abholen wollte, verzichtete auf eine genaue Anfahrtsbeschreibung, denn sie hat ja ein Navi. ‚Viel Glück‘, dachte ich, und stellte mich trotzdem an die Straße zum Winken. Und das war gut so, denn mitten auf dem Huntedeich ging das Navi einfach aus. Moorhausen, ein Ort den es nicht gibt? Gar so etwas Unheimliches wie Bielefeld?

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht: Die Nichterreichbarkeit hat Grenzen, in Moorhausen gibt es nämlich einen Postkasten. Doch im Bewusstsein der Netzbetreiber ist dieser kleine Ort ganz offensichtlich nicht vorhanden. Und damit sind sie durchaus im Recht, denn auf der Seite der Bundesnetzagentur finde ich Folgendes:

Das Angebot von breitbandigen Internetanschlüssen, wie z. B. DSL, VDSL, UMTS oder LTE unterliegt nach dem Telekommunikationsgesetz nicht den Vorgaben der Grundversorgung. Damit ist kein Anbieter verpflichtet, Endkunden mit einem breitbandigen Internetanschluss zu versorgen.

Tscha, und deshalb tun sie das auch nicht, die Anbieter – warum sollten sie auch. Das ist für strukturschwache Gebiete natürlich ein großes Problem: So werden sie wirtschaftlich nie den Hintern hochkriegen. Denn wenn Privatleute kaum Netz haben, geht es Geschäftsleuten nicht besser. Neue Firmen in die Gegend holen, oder Freelancer, die von zu Hause aus online arbeiten – so wird das sicher nichts. Die Zeiten von Faxgerät und Trommel sind einfach vorbei. Wundert sich da noch jemand über die Verödung der Dörfer?

Ich habe mich heute wieder in meine Highspeed-Komfortzone begeben: Folglich ist jetzt wieder mehr los in meiner bunten Welt. Schnelles Internet ist wahrscheinlich nicht lebensnotwendig, aber darauf verzichten würde ich auf Dauer nicht mehr.

2 Kommentare zu “Kein Empfang

  1. Um zu entschleunigen finde ich es ganz gut, ein paar Tage mal nicht dauererreichbar zu sein, allerdings möchte ich auch nicht mehr auf die Möglichkeit verzichten im Netz kurz etwas nachzulesen. Die Betriebe suchen sich dann eben einen besser erreichbaren Standort, aber was machen Schüler, deren Lehrer nicht an einem weißen Fleck wohnen und Recherche im Netz erwarten?

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