Liftgedanken – Teil 2

Fahrstuhltür, Bild zur Verfügung gestellt von Sommaruga Fabio / http://www.pixelio.de

Als naturgegeben lauffauler Mensch fahre ich gerne mit dem Aufzug, oder auch mit dem Fahrstuhl oder dem Lift. Ich wohne im 6. Stock, da ist es schon angenehm, nicht immer die vielen Treppen hinaufstapfen zu müssen. Meiner körperlichen Verfassung täte es zwar sicherlich gut, doch wider besseren Wissens fahre ich wann immer möglich gemütlich hoch.

Eigentlich haben fast alle meine Aufzug-Fahrten – und derer sind es viele, arbeite ich doch auch im 7. Stock eines 12-stöckigen Gebäudes – eines gemeinsam: Es passiert dabei nichts Besonderes. Gut, manchmal schwatzt man nett mit Nachbarn oder Kollegen. Oder jemand hat nicht gedrückt und fährt bis in den 12. Stock, weil die Haltestelle im vierten Stock verpasst wurde. Dann wird gelacht und alle freuen sich – über irgendwas muss man sich ja freuen. Aber etwas Tolles, wirklich Spektakuläres passiert fast nie, wenn ich lifte. Im gesamten Auf und Ab meines Fahrstuhl-Lebens bin ich auch erst zwei Mal stecken geblieben: 1985 auf der Klassenfahrt in Berlin, und vor einigen Jahren in Köln mit den Karnevalsdamen. Beide Male waren kurz und schmerzlos: Einmal drückten wir einen Knopf, woraufhin irgendwo anders auch jemand einen Knopf drückte und die Tür wieder aufging. Und einmal drückten wir gar nichts. Aber eine Putzfrau drückte im Keller einen Knopf, der Lift fuhr runter, wir stiegen aus und die Putzfrau ein. Also auch nichts, woraus man einen Roman machen könnte. Auch keinen Werbespot. Die Welt wartet nicht auf diese Erlebnisse.

Wenn ich jedoch fernsehe, bekomme ich zunehmend den Eindruck, dass im Fahrstuhl mehr oder minder regelmäßig die tollsten Dinge passieren: Immer wieder reißen schöne Menschen einander im Lift die Kleider vom Leib und fallen übereinander her. Sie machen sich die intimsten Geständnisse zwischen dem dritten und vierten Stock, Liebe, Triebe und Instinkte werden in dieser kleinen Metallbox ungehemmt ausgelebt. Natürlich haben diese Fahrstühle auch immer einen Halteknopf, ansonsten wäre dieses irrsinnige Programm ja gar nicht zu schaffen: So quick kann gar kein Quicky sein.

Bleibt im Film ein Fahrstuhl ungeplant stecken, sind ebenfalls gerne zwei Liebende an Bord, die sich aus dramaturgischen Gründen zuvor furchtbar gestritten haben und den ungeplanten Aufenthalt zur Versöhnung nutzen können. Ebenfalls beliebt ist das Steckenbleiben in Gesellschaft eines Kriminellen, der entweder allen anderen nach Leib und Leben trachtet oder aber die Beute eines Juwelenraubes in der Hosentasche hat und deshalb gerne die ungastliche kleine Kiste verlassen möchte. Sportlich-durchtrainierte Männer bauen dann gerne den Blechdeckel des Liftes ab und ziehen sich hoch, wohl um zu gucken, was da oben alles so ist. Der Lift macht dann der höheren Spannung wegen unheimliche Geräusche. Und kürzlich sah ich eine Sendung, bei der ein Krimineller es auf eine Dame abgesehen hatte und durch die Fenster auf diese schoss. Sie, gar nicht um eine Lösung des Problems verlegen, verschanzte sich mit reichlich Proviant im Fahrstuhl, der kein Fenster hatte – wenn das mal nicht pfiffig ist.

Derartig spannende Dinge passieren nicht, wenn ich lifte. Das kann natürlich an mir liegen – wahrscheinlich hat keiner einen Anlass, auf mich zu schießen, ich bin zu unsportlich, um durch die Decke zu entweichen und meine Kleider wirken zu solide, um mir in wenigen Sekunden vom Leib gerissen zu werden. Vielleicht geht das anderen Leuten anders und ich bin einfach nicht normal. Ich sollte das ausforschen: Ein Kollege blieb bei uns kürzlich im Fahrstuhl stecken, den muss ich glatt mal fragen, was da alles Dolles passiert ist. Oder ist diese Frage zu intim?

10 Kommentare zu “Liftgedanken – Teil 2

  1. Alte, wackelige Fahrstühle benutze ich nach Möglichkeit nicht, da ich unter Platzangst leide und es in dem kleinen Kasten bestimmt nicht stundenlang aushalten würde. Mit Büchern vielleicht schon, aber die habe ich ja nicht immer dabei. Ich höre immer Horrorgeschichten von Leuten, die mehrere Stunden auf die Techniker warten mussten, die von sonst woher angefordert wurden.

    Gefällt 1 Person

  2. So ein Fahrstuhl ist eine tolle Metapher, denn er verbindet den Keller des Unterbewußten mit dem Obergeschoss des Geistes. Ein Zwischenreich quasi, in dem sich nicht nur die größten Ängste, sondern auch die größten Hoffnungen erfüllen. 😉

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s