Komische Gewohnheiten – dem Fußballgott huldigen

Fußballfan

Ein angenehmer Fußballfan! Bild zur Verfügung gestellt von Rike / http://www.pixelio.de

Mal wieder ist es Samstag – Heimspielsamstag. Der Tag also, an denen die Jünger des Fußballgottes Einzug halten, gewandet in rituelle Kleidung und behängt mit Kulttextilien. Ich aber trabe nichtsahnend durch die Stadt, erledige dies und das, will irgendwann nach Hause. Am Bahnhof steige ich um, und in der B-Ebene treffe ich sie: die sogenannten Fußballfans. Nicht, dass die dreckige, verpinkelte B-Ebene des Frankfurter Hauptbahnhofs nicht auch ohne diese Grüppchen, die immer wieder wie eine lästige Krankheit bei uns einfallen, schon grauslich genug wäre.

Ich habe gar nichts gegen Fußball und schon gar nicht gegen Leute, die gerne ins Stadion gehen und ihren Verein dort live und engagiert anfeuern. Aber diese Trüppchen, die auf Bahnhöfen herumgrölen, mystische Wechselgesänge anstimmen und zwecks möglichst schneller Bewusstseinstrübung literweise Bier in sich hineinschütten, finde ich einfach sonderbar. Mir fehlt irgendwie das rechte Verständnis für das, was diese Leute tun: Es scheint sehr wichtig zu sein, mit möglichst tiefer Stimme herumzubölken – nie hört man einen Vorsänger mit hellem Tenor bei diesen Chören. Natürlich sind es zumeist reine Männerchöre, die sich dort musikalisch versuchen, doch mir scheint, dass die Sänger zusätzlich versuchen, ihre Stimmlage künstlich noch um ein paar Oktaven nach unten zu drücken. Brumm, brumm … ja, zweifellos, die einzig wahre Stimmlage beim Fußball ist der Bass.

Befremdlich finde ich auch die Bier-Rituale, die ich immer wieder beobachten muss. Anscheinend werden dem Fußballgott immer wieder flüssig-klebrige Opfer gebracht, bei denen das Flaschenbier nur in Teilen getrunken, es ansonsten aber verspritzt wird, auf dass andere Leute es mit gebeugtem Rücken wegputzen mögen. Mir ist eine Männergruppe in lebhafter Erinnerung geblieben, etwa sechs gestandene Kerle, alle bestimmt um die 50 Jahre alt, die im Kreis standen, einen sonderbaren Spruch rezitierten (natürlich im Bass und im Chor) und sich dann gegenseitig die Flaschen aufeinanderschlugen – sodass die unteren überschäumten und das Bier zu Boden pitscherte. Die genaue Beschwörungsformel weiß ich nicht mehr, aber es war etwas so Geheimnisvolles wie „Flitsch, Flatsch, Platsch“ oder so. Das taten sie in recht kurzer Zeit mehrmals, aber ansonsten sprachen sie nicht miteinander. Es scheint also unter den Fanclubs auch Schweigeorden zu geben.

Und auch die schlagenden Verbindungen gibt es, das sind die, die ihrem Fußballgott an Samstagen Blutopfer bringen und den Rest der Woche oft wie ganz normale Leute erscheinen. Dies ist die geheimnisvollste Gruppe unter den Fußballjüngern, und bei weitem die, auf die am allerbesten verzichtet werden könnte.

Mir ist noch immer nicht klar, was mit diesen Leuten passiert, die an Samstagen so plötzlich zu etwas Geheimnisvollem mit animalischer Anmutung mutieren. Ich verstehe das nicht. Und ich finde es schade, dass die größte Gruppe der Fußballjünger, nämlich die, die dem Fußballgott aus ehrlicher Freude am Sport Woche für Woche huldigen, durch die Schreier, Schmutzer und Schläger immer wieder in Verruf geraten. Ich würde mir wünschen, an einem Heimspielsamstag im Frankfurter Hauptbahnhof nur auf gut gelaunte Fußballjünger mit klarem Blick und normalem Benehmen zu treffen. Ist das denn wirklich zu viel verlangt?

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