Liftgedanken – Teil 1

Eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Es ging um den „aufhaltsamen Aufstieg“, der im Titel eines Theaterstücks von Bert Brecht vorkommt.

Man liest diesen Satz gerne falsch und fügt im Geiste ein „un“ hinzu, einfach weil „aufhaltsam“ viel seltener vorkommt als „unaufhaltsam“. Das war Grund genug für uns, eine kleine Blitzgeschichte über einen aufhaltsamen Aufstieg zu schreiben.

Aufstieg unerwünscht

Fahrstuhl, Lift, Aufzug

Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm, http://www.pixelio.de

Die drei Kollegen aus der Werbeagentur hatten einen Termin bei einem großen Kunden. Sie standen im Foyer und genossen es, nach der feucht-windigen Wärme draußen in einem einigermaßen angenehm temperierten Raum zu stehen. Nach oben sollte es nun gehen, neun Stockwerke insgesamt. Peter wollte wie üblich die Treppe hochlatschen – Kunststück, der trug ja auch keine High Heels an den geschwollenen Füßen. Tina beschloss, mitzustöckeln – wahrscheinlich, um Peter zu beeindrucken. Tina wollte immer irgendwen beeindrucken, besonders Männer zwischen 16 und 89 Jahren. Sandra sah das gar nicht ein, schon gar nicht, wenn ihr die Füße weh taten.

„Ich fahre!“, verkündete sie und drückte auf den Liftknopf. „Ich warte oben auf euch.“ Die beiden anderen nickten, Peter mit einem verständnisvollen, Tina mit einem verächtlich-triumphierenden Gesichtsausdruck. Die beiden verschwenden durch die Tür ins Treppenhaus, Sandra betrat den Lift. Mit ihr bestieg nur noch ein kleiner, dicker Mann den Fahrstuhl. Er sah lustig aus, fast wie ein Schneemann, mit seinem spärlich behaarten, kugelrunden Kopf, seiner roten Knollennase und dem Kullerbauch.

Sandra grüßte artig, das hatte sie zuhause so gelernt. Der dicke Mann grüßte zurück, scheinbar erfreut über die Aufmerksamkeit, und begann sofort ein Gespräch. Es war die typische Fahrstuhlkonversation.

„Das ist vielleicht warm heute, was?“ Da der Mann damit recht hatte, nickte Sandra nur und sagte: „Oh ja, sehr warm.“ Der kleine Mann tupfte sich mit einem karierten Taschentuch die Stirn und sagte: „Unglaublich warm – und das im November!“ Sandra stimmte zu: „Ja, bald ist schon Weihnachten.“ Sie fuhren am zweiten Stock vorbei.

„Ach ja, Weihnachten – immer dieser Trubel!“ Sandra lächelte nur. „Haben Sie denn schon alle Geschenke?“ Aus einer Laune heraus schüttelte sie den Kopf und behauptete: „Nein, ich lehne diesen Massenkonsum ab!“ Der Mann sah begeistert zu ihr hoch. „Ach, wirklich? So sehen Sie gar nicht aus!“ Vierter Stock. „Wie sehe ich denn aus?“, fragte Sandra irritiert. „Naja, anders eben“, suchte der Mann eine Ausflucht.

Fünfter Stock. Der Lift hielt, aber niemand stieg ein. Sandra drückte genervt auf den Knopf zum Schließen der Tür. Diese Wärme schlug ihr wirklich auf’s Gemüt. „Anders auszusehen ist hoffentlich nichts Schlechtes?“, fragte sie, nur um was zu sagen. „Oh nein!“, rief der Mann, „das ist gar nicht schlecht, wirklich, nicht schlecht! Sie sehen aus wie meine vierte Frau!“ Sie musste grinsen, vier Mal verheiratet, so sportlich sah das Dickerchen gar nicht aus. Das sagte sie ihm sehr diplomatisch im sechsten Stock. „Aber nein!“, erklärte der Mann. „Ich bin erst zum dritten Mal verheiratet.“ Sandra sah ihn verblüfft an. „Sie machen Witze.“ „Aber nein, meine Liebe, ich scherze nicht. Ich scherze nie. Ich bin hier der Generaldirektor, eine Heirat mit mir würde für Sie einen rasanten gesellschaftlichen Aufstieg bedeuten.“ Sandra drückte auf den Liftknopf für den achten Stock. „Vielen Dank, mein Herr, ich habe es nicht so gerne rasant.“ Das letzte Stockwerk ging sie zu Fuß.

 

Nachbemerkung: Diese kleine Liftgeschichte hat noch ein gedankliches Nachspiel – zu lesen irgendwann in den nächsten Tagen.

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