Im Labyrinth

Die folgende Geschichte schlummert schon eine ganze Weile auf meiner Festplatte. Sie schien mir etwas zu lang für den Blog zu sein, andererseits gibt es da auch schon auch längere. Und da ich sie schon ein paar Mal auf Lesungen mithatte und sie gerade als Gute-Nacht-Geschichte immer gut ankam, erscheint sie heute doch hier – viel Spaß damit.

Im Labyrinth

Das laute Schnarchen neben sich hatte Katja ungewöhnlich früh aufwachen lassen. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte sie ohnehin kaum geschlafen. Die erste Nacht mit ihrem neuen Freund Ludwig, und sie war unruhig gewesen wie vor einer geplanten Gehirnoperation. Dabei war der Abend durchaus romantisch gewesen: Ludwig, ein Abkomme von echtem altem Adel, hatte ihr das Familienschloss gezeigt und anschließend im Kaminzimmer ein leckeres Essen serviert. Leicht angetrunken und in bester Laune war sie ihm ins Schlafzimmer gefolgt, wo ihr Galan zu ihrem Verdruss erst ewig im Bad herumgemacht hatte, dann im Dunklen hereingeschlichen und sofort eingeschlafen war. Katja hatte ihren Ärger geschluckt und versucht, ebenfalls zu schlafen.

Zugegebenermaßen kein Schloss, sondern das alte (Museums-) Gefängnis in Cork.

Sie war jedoch nicht recht zur Ruhe gekommen. Ludwig war ein unruhiger Schläfer, der schnarchte und sich viel bewegte. Er roch auch seltsam – der leichte Duft seines Rasierwassers, den sie so mochte, war verflogen. Und immer wieder hatte Katja an die mahnenden Worte ihrer Freundin Annika gedacht, die gemeint hatte, dass mit Ludwig irgendetwas nicht stimmen würde. Was genau, das wusste sie auch nicht, aber sie hatte behauptet, dass Ludwig zu oft neue Freundinnen abschleppen würde, um ein wirklich netter Kerl zu sein. „Erinnerst du dich nicht? Die Brasilianerin, die mit uns im Marketingseminar gesessen hat, und die kleine rothaarige Irin, die letztes Semester abgebrochen hat, wie hieß die noch? Jane?“ „Kate“, hatte Katja berichtigt und abgewiegelt. „Es ist doch kein Wunder, dass er mit denen nicht mehr zusammen ist. Die sind doch zum Semesterende gegangen.“ Katja fand nichts Verwerfliches daran, während des Studiums wechselnde Freundschaften zu haben. Sie wollte sich doch auch austoben, warum sollte ein Mann nicht das gleiche Bedürfnis haben? Und Ludwig war immer nett und höflich gewesen, und lustig war er noch dazu.

Ja, lustig war er auch gestern Abend gewesen. Nur als Katja überlegt hatte, nach dem Essen doch noch nach Hause zu fahren, hatte er etwas ungehalten gewirkt. „Natürlich bleibst du hier“, hatte er nur gesagt und ihr noch Wein nachgeschenkt. Katja hatte sich etwas darüber geärgert, aber nur ganz kurz. Dann hatte sie mit ihrem Ludwig angestoßen und sich auf die Nacht gefreut. Diese Nacht, in der sie neben dem schlafenden, grunzenden Ludwig kaum Ruhe bekommen hatte.

Katja schielte auf ihr Handy – gleich fünf Uhr. Sie musste zur Toilette und krabbelte aus dem Bett. Das Bad fand sie leicht, es war direkt am Schlafzimmer. Es war riesig und Katja musste lächeln: Was für ein Unterschied dieses altehrwürdige, aber komplett sanierte Schloss doch zu ihrem Zimmerchen im Studentenwohnheim darstellte. Und wie angenehm, so ein großes Bad zur Verfügung zu haben. Katja betrachtete sich in dem großen Spiegel. Müde und zerzaust sah sie aus. Ihre Kleider lagen jedoch ordentlich auf einem schönen Hocker, sie nahm sich ihre Unterwäsche und begann, sich anzuziehen. Ludwig schnarchte ihr zu sehr, als dass sie Lust gehabt hätte, sich noch einmal hinzulegen. Sie hörte sich das Konzert kopfschüttelnd an. Das war ja nicht auszuhalten, so wurde das nichts mit einem gemeinsamen Schlafzimmer. Vielleicht brauchte er deshalb ständig neue Freundinnen?

Katja überlegte, was sie machen sollte. Einfach zu gehen fand sie blöd, den schlafenden Ludwig zu wecken aber auch nicht besser. Schließlich entschied sie sich, ihm einen Zettel auf den Nachtkasten zu legen, riss ein Blatt aus ihrem Kalender und schrieb einen kurzen Gruß. Sie schlich sich wieder ins Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Das laute Schnarchen hörte kurz auf, als sie auf eine knarrende Parkettbohle trat, setzte aber sofort wieder ein. Sie legte den Zettel ab und wandte sich zum Gehen. Ein letzter Blick auf den schlafenden Ludwig ließ sie verblüfft innehalten: Wie dunkel die langen Haare waren, die dort auf dem Kissen lagen, und wie wellig. Drahtig fast. Hatte Ludwig nicht noch gestern helles, glattes Haar gehabt? Und war das wirklich sein Arm, der dort auf der Decke lag? Lang und kräftig ja, aber so muskulös, und vor allem so behaart? Katja schüttelte sich. Behaarte Männer hatte sie noch nie gemocht, wieso war ihr das gestern nicht aufgefallen? Das konnte doch nicht Ludwig sein – wer war das in diesem Bett?

Katja beschloss, nicht herausfinden zu wollen, wer der Schnarcher war, neben dem sie geschlafen hatte. Sie nahm ihre Tasche und schlich hinaus, lief den langen Flur hinunter, von dem etliche Türen abgingen. Sie wusste den Weg noch und ging zielstrebig auf die letzte Tür zu, öffnete sie und betrat den hübschen kleinen Salon, in dem sie gegessen hatten. Hier standen noch ihre Weingläser und im Kamin glomm ein kleiner Rest Glut. Katja durchquerte den Raum, der dicke Teppich schluckte das Geräusch ihrer Schritte. Sie verharrte kurz am Fenster und sah unten ihren kleinen Wagen im fahlen Licht des Morgens stehen: Einen alten Fiat Panda in giftgrün, der neben Ludwigs Porsche und einem großen Fahrzeug, dessen Marke sie nicht erkennen konnte, wie ein Fremdkörper wirkte. „Gleich sind wir zuhause, kleiner Frosch“, flüsterte sie dem Wagen durch das Fenster zu und betrat den kühlen Flur, der sie nach draußen bringen sollte.

Zu Katjas Überraschung war die Tür, durch die sie gekommen waren, abgeschlossen. Sie runzelte die Stirn – vielleicht hatte sie die falsche Tür gewählt? Sie entschloss sich für die daneben und kam in ein kleines Zimmer, in dem sie definitiv noch nicht gewesen war. Es war ein schlichtes kleines Arbeitszimmer mit einem Computer auf einem altertümlichen Eichenschreibtisch. Sie durchquerte den Raum und öffnete eine schmale Tapetentür – aha, da ging es weiter. ‚Was für ein Labyrinth‘, dachte Katja grinsend und ging weiter. Die Tür schloss sich mit einem merkwürdig klackenden Geräusch hinter ihr und sie sah über die Schulter zurück. Von dieser Seite war die Tür himmelblau – und sie hatte keine Klinke. Katja runzelte die Stirn. Was war denn das? Sie trat zurück und betrachtete die Tür genauer: Sie war genau in die Wand eingepasst und fast nicht zu sehen. Wäre sie hier nicht gerade hindurchgegangen, wäre sie ihr nicht aufgefallen. Ob es einen geheimen Mechanismus gab, der die Tür von dieser Seite her öffnete? Sie tastete ein wenig herum, ließ es dann aber bleiben. Sie wollte nach Hause. Es reichte ihr schon, dass sie die Nacht neben diesem wildfremden Orang Utan verbracht hatte. Wer das wohl war, Ludwigs Bruder vielleicht? Oder gar sein Vater? Egal, sie fand das Verhalten der Männer unmöglich.

Katja sah sich im blau tapezierten Zimmer um und bemerkte, dass es einen Ausgang an der gegenüberliegenden Wand gab: Eine schöne, alte Tür mit Oberlicht. Sie durchquerte sie und stand in einem etwas größeren Salon, der zwar gemütlich eingerichtet, aber kalt und ungeheizt war. Es roch auch etwas muffig, so wie früher in Omas guter Stube, die nur benutzt wurde, wenn Besuch kam. Sie lief hindurch und öffnete die zweite Tür – kam hier nun endlich eine Treppe? Erleichtert sah sie, dass sie auf einen Flur kam, an dessen Ende eine breite Treppe folgte. Sie eilte hinunter, zählte dabei wie immer routinemäßig die Stufen – ihre Freundin Annika nannte diese Gewohnheit „zwanghaft“ – und wunderte sich über ihre Anzahl: Drei Absätze mit jeweils 16 Stufen, das gab 48. Waren das gestern auch so viele gewesen? Katja dachte nicht lange darüber nach, sie wollte nach Hause und ging zu einer großen Metalltür, die zwar schwer aussah, sich aber überraschend leicht öffnen ließ. „Brandschutztür bitte geschlossen halten“ stand darauf. Katja trat hindurch und ging die beiden Stufen hinunter, die sie in einen halbdunklen Wirtschaftsraum mit Waschmaschine und Trockner führten. Die Brandschutztür fiel mit einem Knall hinter ihr zu. „Die ist dicht“, murmelte Katja und ging weiter. Schon wieder kam ein Flur – fast ein Tunnel. Dunkel war es hier, sie fand jedoch unschwer einen rot leuchtenden Lichtschalter. Die einsame Glühbirne erhellte den langen Gang nur unzureichend und Katja verspürte wenig Lust, ihn zu erkunden. Offenbar hatte ihr Gefühl sie nicht getrogen, es waren zu viele Stufen gewesen: Sie war in einem Keller gelandet. Es half nichts, sie musste zurück. Frustriert wandte sie sich wieder der schweren Metalltür zu und fand statt einer Klinke nur einen runden Knauf. Man brauchte einen Schlüssel, um die Tür von dieser Seite zu öffnen. „Was soll das?“, flüsterte sie sie zu und dann, plötzlich verärgert, rief sie es noch einmal in den Raum hinein: „Was soll dieser Mist hier?“

Beeindruckend: die hohen Bäume im Gefängnisgarten

Wütend stapfte sie in den schwach erleuchteten Gang. Hätte sie geahnt, dass sie solch einen Marsch durch dieses doofe Schloss würde machen müssen, hätte sie andere Schuhe angezogen: Der raue Zementestrich ließ ihre hohen Pfennigabsätze wie vorwurfsvoll klappern. Sie durchschritt den langen Gang mit langen, energischen Schritten, sie wollte nur noch weg. Irgendwo musste es hier doch rausgehen.

Und tatsächlich merkte sie, dass es langsam bergauf ging. Der Gang hatte eine leichte Steigung, wie eine flache Rampe. „Immerhin geht es hier nicht ins Verließ“, machte sie sich selber Mut, während sie eine neue Brandschutztür öffnete. Bevor sie sie zufallen ließ, versicherte sie sich, dass die eine Klinke hatte und dass die auch funktionierte. Dann sah sie sich um: Sie stand in einer Art Lagerraum. Hier gab es alles Mögliche: Leere Mineralwasserkisten, alte Autoreifen, Werkzeug, Blumenzwiebeln. Wahrscheinlich gehörte dieser Raum dem Hausmeister, oder wie das in einem Schloss hieß. Sie atmete tief durch. Längst hatte sie die Orientierung verloren. Wahrscheinlich würde sie um das ganze Schloss herumlatschen müssen, um zu ihrem Auto zu kommen, wenn sie erst einmal aus dem Gebäude heraus war. Sie hatte Kaffeedurst. Sechs Uhr war es inzwischen – sie rannte schon eine halbe Stunde hier herum. Und zu ihrem Verdruss war die Tür, die aus dem Lagerraum herausführen sollte, abgeschlossen.

Katja setzte sich auf eine Werkbank und dachte nach. Was sollte sie tun? Zurück in den Gang nützte ihr nicht, denn die Tür an dessen Ende hatte keine Klinke. Hier zu warten hatte aber auch keinen Sinn. Es war Samstag, gewiss hatte der Hausmeister oder Gärtner oder wer auch immer der Besitzer dieses Raumes war, frei. Sie überlegte, Ludwig anzurufen und sich von ihm hier herausführen zu lassen. Auch wenn er ein elender Schuft war, der ihr einen behaarten Fremden ind Bett gelegt hatte, war das besser, als hier auf der Werkbank zu verschmachten. Sie nahm ihr Handy heraus – es hatte keinen Empfang.

Allmählich wurde Katja wütend. Sie betrachtete die Tür, die sie von der Freiheit trennte. Die wirkte nicht besonders stabil und war aus Holz. Also gut, dann eben Vandalismus. „Selbst ist die Frau!“, motivierte sie sich und wählte aus den verschiedenen Werkzeugen etwas, das ihr unter dem Namen ‚Kuhfuß‘ bekannt war. Sie bearbeitete die Tür, brach sich zwei Fingernägel ab, fluchte wie ein Bauarbeiter und sprengte schließlich das alte Schloss der Tür. „Chakka!“ Katja rannte fast den kurzen Flur hinab, achtete aber darauf, mit ihren hohen Absätzen nicht auf dem unregelmäßigen Boden umzuknicken. Kopfsteinpflaster im Haus, das war anscheinend der unsanierte Teil des Schlosses, der Dienstbotentrakt. Am Ende des Flures eine kurze hölzerne Treppe nach oben, dahinter ein kleiner runder Raum mit einer Metalltür. Und die war zu. Richtig feste zu. Katja schimpfte wie ein Rohrspatz, rannte zurück – auf Strümpfen dieses Mal – und holte den Kuhfuß. Es war jedoch nichts zu machen, die Tür blieb zu. Fast hätte Katja geweint. Doch sie war nicht die Frau, die sich hinsetzte und heulte. Sie untersuchte den Raum: Er war fast leer bis auf eine alte Truhe und einen wackeligen Stuhl. Die Truhe war leer. Katja hockte sich darauf und grübelte. Ihr Blick fiel auf das kleine, schmale Fenster fast unter der Decke, durch die die ersten Sonnenstrahlen des Tages schienen. Ob sie da durchpasste? Sie war ja sehr schlank, und sportlich war sie auch. Aber ob sie es erreichen konnte?

Katja schob die Truhe unter das Fenster und kletterte hinauf.  Es reichte nicht, mindestens dreißig Zentimeter fehlten. Sie musterte den Stuhl. Der wirkte so wenig vertrauenserweckend, dass Katja davon absah, ihn auf die Truhe zu stellen und hinaufzuklettern. Sie wollte hier heraus, ja, aber so dramatisch, dass sie sich dabei die Knochen brechen wollte, war die Lage wohl eher nicht.

Katja erinnerte sich an das Hausmeisterzimmer – gab es dort etwas, was sie verwenden konnte? Sie lief nochmals zurück, auf inzwischen total kaputten Strümpfen, und holte zwei von den Mineralwasserkisten. Die stellte sie auf die Truhe und stieg vorsichtig hinauf. Es ging! Katja konnte das Fenster erreichen und den Griff umdrehen. Es ließ sich hochklappen. Sie klemmte den Kuhfuß zwischen Fenster und Fensterbrett, so dass sie die Hände frei hatte zum Klettern. Dann zog sie sich hinauf. Als sie den frischen Morgenwind an ihrer Nase spürte, musste sie lächeln. Sie lächelte noch, als ihr klar wurde, dass sie ihre Schuhe unten vergessen hatte. „Macht nichts, so hohe Absätze sind sowieso ungesund!“ Sie arbeitete kräftig mit den Beinen, drehte sich halb in der schmalen Öffnung und schaffte es endlich, mit den Füßen voran nach außen zu baumeln. Wie weit mochte es nach unten sein? Es hatte nicht hoch ausgesehen. Katja nahm allen Mut zusammen und ließ das Fenstersims los. Sie fiel etwa einen Meter in die Tiefe und landete weich auf einem Rasen.

Irgendwo in Brügge

Katja lachte und rieb sich ihre schmerzenden Hände an der Hose. Dann sah sie sich in dem Garten um, in dem sie gelandet war: Es war ein Innenhof mit einem Rasen, Rosenbeeten und einer kleinen gemauerten Bank. Ringsum sah sie die Steinmauern des alten Schlosses, und nirgendwo sah sie einen Durchgang.  Keine Tür, kein Tor, nichts. Nicht mal ein Fenster, das sie hätte erreichen können. Ihr wurde eiskalt, entsetzt sah sie herum. Kein Ausgang, nirgends. Panisch sah sie hoch zu dem kleinen Fenster, aus dem sie geklettert war. Es war viel zu hoch als dass sie es hätte erreichen können. Und es wurde soeben geschlossen, von einem hellblonden Mann, der danach einfach aus ihrem Blickfeld verschwand. Ludwig?

Katja wollte schreien, nach Ludwig rufen. Doch sie sah ihn nicht mehr. Hektisch sah sie herum, starrte in jedes Fenster im ersten Stock, und suchte nach ihm. Sie fand ihn nicht. Stattdessen sah sie, dass an der gegenüberliegenden Seite ein Mann an einem Fenster stand: Sicher zwei Meter groß, bärtig und mit dunkelbraunem Drahthaar stand er da wie eine Salzsäule und starrte sie an. Sie lief in Richtung des Fensters und wäre fast über etwas gestolpert, dass sich im hohen Gras verborgen hatte: Es war eine bunte Patchworktasche. Katja kannte diese Tasche: Sie gehörte Kate, der Irin, die im letzten Semester plötzlich die Uni verlassen hatte.

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