Der Gutschein

Vor einigen Monaten habe ich den Job gewechselt und von der alten Abteilung ein Abschiedsgeschenk bekommen: Es war unter anderem ein sehr großzügig bemessener Gutschein für ein Wollgeschäft. Wolle – die alten Kollegen kannten tatsächlich meine größte wirtschaftliche Schwachstelle. Denn Wolle ist für mich etwas ganz Besonderes, etwas, das ich horte, immer wieder hin und her sortiere, kombiniere, liebevoll anfasse. Natürlich verstricke ich meine Wolle auch, aber wahrscheinlich habe ich mehr Wolle zuhause, als ich in einem Jahr verstricken könne – selbst wenn ich nicht zur Arbeit gehen müsste.

Über den Gutschein freute ich mich also sehr. Ich legte ihn beiseite, schließlich stand bei mir der Abbau von Lagerbeständen ganz oben auf der Liste und so ein Gutschein ist ja auch im nächsten Jahr noch gut. Doch irgendwie schaffte es das kleine, unauffällige Plastikkärtchen doch vom Schrank in meinen Geldbeutel – nur für den Fall, dass ich einmal am Wolle-Rödel vorbeikäme und dort dringend – wenn nicht gar zwingend – etwas erwerben müsste.

In den nächsten Wochen machte das Wissen um den Gutschein in meiner Tasche mich zunehmend unruhig. Dort, wo er lag, war es dem Anschein nach wärmer – bald würde das unschuldig aussehende Kärtchen mir ein Loch in die Tasche brennen. Trotzdem hielt ich noch bis gestern durch: Viereinhalb Monate lang rührte ich den Gutschein nicht an, drehte ihn nur ab und zu mal nachdenklich in den Fingern hin und her.

Gestern aber war es so weit: Zum einen hatte ich nämlich Geburtstag, da will man sich ja was Gutes tun. Und zum anderen musste ich eine Stunde überbrücken, bis ich mich mit einer Freundin in der Stadt zum Essen traf. Gut, ich hätte einfach später losfahren können, aber dann hätte die Zeit ja nicht mehr zum Wolle kaufen gereicht …

Ich ging also in das Wollgeschäft, fest entschlossen, nur zwei, maximal drei Bommel Wolle zu kaufen. Deshalb befragte ich die Verkäuferin, ob es möglich sei, den Gutschein erst mal nur teilweise auszugeben, ihn also in Portionen abzufrühstücken. Sie bestätigte das, man könne den Betrag beliebig aufteilen und in jeder Filiale zuschlagen – sehr schön. Ich hüpfte also fröhlich aus dem Laden wieder heraus und schnappte mir ein paar Knäuel aus dem Sonderangebotskorb draußen – die sollten schon mal meine sein. Damit wären die drei Knäuel schon erledigt gewesen. Aber nur Sonderangebote zu kaufen erschein mir knauserig, weshalb ich mich weiter nach hinten in den Laden begab.

Es war wie immer: Ich bummelte herum, testete die Kratzigkeit, hielt nebeneinander, kombinierte, variierte und probierte, was das Zeug hielt. Es gab reichlich zu bestaunen, und zu unendlich vielen Wollsorten fielen mir Projekte ein, die ich schon immer mal machen wollte. Irgendwann trug ich noch zwei Bommel Wolle nach vorne zur Kasse. Und dann noch sechs, die ich eigentlich zu teuer fand, die aber so fein aussahen. Und mit einem Gutschein kostet sowas ja nichts. Deshalb legte ich noch sechs Knäuel der gleichen Sorte dazu, die farblich gewiss hübsch zu den ersten sechs passen würden.

Alles in allem war ich sehr zufrieden mit meinem Ausflug ins Wollgeschäft. Ich musste nur knapp neun Euro dazu bezahlen, und dass ich den Gutschein brutal auf den Kopf gehauen habe, hat mich nach kurzem, therapeutischen Gespräch mit meiner Freundin auch nicht mehr gestört. Denn dazu seien solche Geschenke schließlich gedacht, erklärte Antje mir – und sie muss es wissen. Sie ist schließlich die Vernünftigere von uns.

8 Kommentare zu “Der Gutschein

  1. Herzlichen Glückwunsch nachträglich und alles Gute !
    Gutscheine sind sehr praktisch , leider holt man immer mehr wie man braucht . da findet man in der Ecke ein tolles Garn und dann passt das und jenes noch dazu , aber mir geht es auch nicht anders .
    Finde dein Blog richtig gut !

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  2. Jeder/m ihre/seine Macke. Was bei Dir die Wolle-Bommel-Sucht, ist bei mir die Papiersucht, aber das ist eine andere Sache. Dir noch einen herzlichen nachträglichen Geburtstagsglückwunsch und viel Spaß beim Knütteln.

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  3. Solche Kollegen hätte ich auch gerne, die sich merken, was für Leidenschaften man hat.
    Als ich noch viel gemalt hab, schenkten mir meine Kollegen ein „Malen nach Zahlen“ – Set.
    Lol

    Viel Spaß beim Verarbeiten.

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