Mitternachtsmusik

Noch ein Ergebnis aus dem Gruselworkshop. Ich finde, es wird schon schauriger 🙂

Mitternachtsmusik

Bild „Tastsinn“, zur Verfügung gestellt von Friedhold Matthes / http://www.pixelio.de

Wie in jeder Nacht höre ich die Orgel. Sie ist weit weg und doch so nah, dass sie deutlich in meinem Zimmer zu hören ist. Mutter sagt, ich träume, es gibt keine Orgel bei uns im Haus und auch nicht hier in der Nähe. Wo soll sie denn auch sein, diese Orgel, fragt sie mich, wenn ich darauf beharre, dass da diese Musik ist. Es ist keine Kirche in der Nähe, nicht mal ein anderes Haus gibt es hier in den Hügeln. Sie hat ja recht, und doch höre ich die Orgel in jeder Nacht, in der ich wachliege. Also in jeder Nacht, seitdem wir hier wohnen. Seit drei Monaten jetzt, auf den Tag genau.

Opa sagt, das ist die Pubertät. Junge Mädchen sind überreizt, haben viel Fantasie, das liegt an den Hormonen, meint er und guckt dabei allwissend. Opa weiß wirklich viel, aber von jungen Mädchen und Hormonen hat er keine Ahnung. Und von Orgelmusik auch nicht.

Heute Nacht werde ich sie suchen, die laute Orgel in den Hügeln. Ich liege angezogen im Bett, die warmen Schuhe stehen bereit und Jasper, der Stallbursche, wird mich begleiten. Leise gleite ich aus dem Bett, ziehe mich fertig an und gehe zu unserem Treffpunkt im großen Stall. Ich bin zu früh und muss warten, zehn Minuten lang bis ein Uhr. Die Zeit zieht sich, doch nie war die Musik so laut und so schön. Der Organist ist ein wahrer Künstler.

Viertel nach eins, noch immer bin ich allein. Jasper kommt nicht mehr, verstehe ich und hole mir die große Taschenlampe hinten aus der großen Kiste. Dann gehe ich eben allein, das ist besser, als Nacht für Nacht wachzuliegen und nicht zu wissen, woher dieser Klang kommt.

Die Musik wird immer lauter, heute dreht der Musiker richtig auf. Ob dem gar nicht bewusst ist, dass sowas nachts um halb zwei störend ist? Ich nehme den Weg direkt auf die Musik zu und klettere über den Zaun. Gut, dass ich Stiefel anhabe, die Wiese ist ganz schön feucht. Ich schreite flott aus, die Lampe zeigt mir den weg. Geradeaus, geradeaus, immer weiter geradeaus. Über den umgestürzten Baum, durch das flache Moor, einmal quer durch ein kleines Wäldchen. Ich glaube, hier war ich noch nie. Ich überlege, umzukehren, es wird gewiss schon bald hell, doch dann sehe ich ein Licht. Ich laufe darauf zu und sehe das Haus, aus dem die Musik zu kommen scheint. Es ist ein schönes Haus, weiß mit einer großen Veranda, und in allen Fenstern scheint Licht. Sie haben dort ein Fest, begreife ich. Ob ich da so erscheinen kann, in meinen schmutzigen Stiefeln? Ich gehe weiter und komme an einen See. Ich sehe noch immer das weiße Haue, es steht auf einer Insel mitten im See. Da kann ich nicht hin, denke ich, und bleibe stehen.

„Die warten dort auf uns, wie sind eingeladen“, höre ich eine Stimme direkt neben mir. Es ist Jasper. Ich ziehe die schmutzigen Stiefel aus und nehme seine Hand. Das Wasser ist tief und eiskalt.

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