Persönliche Verteilzeit

Gestern habe ich mal wieder einen schönen Begriff gehört, und zwar den der „persönlichen Verteilzeit“. Dieser schöne Ausdruck beschreibt die Arbeitszeit, die Arbeitnehmern zur Befriedigung ihrer persönlichen Bedürfnisse gewährt wird – Kaffee trinken, zur Toilette gehen oder was auch immer. Rein kalkulatorisch werden für diese Dinge wohl oft 20 Minuten am Tag eingeplant – wieder was gelernt! Und im Schreibworkshop fiel mir etwas dazu ein:

Persönliche Verteilzeit

Arthur war verwirrt: Als Beamter im mittleren Dienst war er es gewohnt gewesen, einen strukturierten Tagesablauf zu haben. Morgens ins Büro, Kaffee holen, Post sortieren. Dabei den Kaffee trinken, langsam und sorgfältig die Post bearbeiten. Gegen zehn auf’s Klo für das große Geschäft – sein Körper funktionierte noch immer wie ein Schweizer Uhrwerk. Danach das zweite Frühstück: wo was rausgeht, muss schließlich auch was rein. Um eins dann in die Kantine mit Gerhard und Claus. Um drei nochmal Kaffee holen und einen Schwatz mit der Petersen halten, die zugestandene „persönliche Verteilzeit“ von täglich zwanzig Minuten wollte schließlich ausgenutzt werden. Und dann durcharbeiten bis Feierabend – genau so musste das sein.

Und nun war alles anders: Man hatte ihn pensioniert. Zwei Jahre vor der Zeit, Arthur war nicht gar nicht so recht darauf eingestellt gewesen. Er schlich durch die Wohnung wie ein begossener Pudel. Die Post reichte nicht für eine Tasse Kaffee und völlig desorientiert hatte er in seiner dritten Pensionärswoche sein zweites Frühstück einmal schon um halb neun gegessen – lange vor dem Geschäft. Um etwas zu tun zu haben, saß er anfangs dreißig Minuten am Stück auf der Toilette und versuchte, froh dabei zu sein: Froh darüber, dass er dem Korsett der persönlichen Verteilzeit entkommen war. Aber außer, dass ihm kalt wurde und sein durch die Brille hängender Hintern einschlief, passierte dabei nichts. Er konnte sogar mit offener Badezimmertür dort sitzen und laut singen – es regte keinen auf. Früher hätte sich jemand aufgeregt und irgendwer hätte mit Sicherheit den Personalrat verständigt, wenn er laut singend mit offener Klotür eine halbe Stunde lang eines der nur zwei Kabinchen des behördlichen Männerklos blockiert hätte. Und nun? Nichts!

Arthur handelte: Er suchte sich einen Nebenjob in einer Zeitungsredaktion, wo er Botengänge erledigte, Notizen tippte und Büromaterial ausgab. Für drei Stunden täglich bezahlte man ihn, und eine halbe Stunde verweilte er zusätzlich in der Kaffeeküche und auf der Toilette. Dreißig Minuten jeden Tag – es musste schließlich seine Ordnung haben.

Es kann froh sein, wer einen so gemütlichen Topf hat: Kinderklöchen im Museumsdorf Cloppenburg

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