Victoria!

Ich gebe zu, dass ich manchmal undankbar bin: Ich mag nicht alles, was man mir schenkt, und wenn es ganz dicke kommt, muss ich über die milden Gaben sogar frotzeln. Zum Glück habe ich nur selten Grund dazu. Doch heute fand ich eine Ausgabe einer Werbezeitschrift in meinem Postkasten, zusammen mit einigen Rabattcoupons und einer Warenprobe.

VictoriaDas unsägliche Werk trägt den schönen Namen Victoria, was „Sieg“ bedeutet. Ein guter Vorsatz – kurz vor Weihnachten nochmal schnell die Welt retten, das ist doch eine tolle Idee. Gedacht ist das Heft für uns wunderbaren Frauen um und über 50 – wie gut, dass ich erst 45 bin. Aber gut, da will ich mal nicht pingelig sein, ich leide schließlich weder unter Alterskomplexen noch unter Jugendwahn. Folglich sehe ich mir das Ganze genauer an.

Dass mich eigentlich aus dem ganzen Heft nur grauhaarige Gestalten ansehen, empfinde ich als befremdlich, schließlich leben die über 50-jährigen nicht unter sich auf einer Insel. Einen Doppelseiter über Anti-Haarausfallpflege – naja, ein paar dünne Löckchen habe ich schon noch. Ich lese in den nächsten Haarpflege-Artikel hinein: „grau, brüchig und kraftlos“, ach Gott, was ein Jammer. Schnell weiterblättern!

Es folgen ein paar Pflegetipps – Rasur und so. Alles nix Neues und vor allem nix Interessantes, zumindest für mich. Sitzen sei das neue Rauchen – auf diese Plattitüde folgt der Vorschlag, statt am Schreibtisch einfach zwei Stunden täglich im Gehen zu arbeiten. Das kann ich morgen ja mal versuchen, mal gucken, wie gut sich das bei uns im Büro so macht.

Als nächstes kommen Fitnesstipps – ja, die kann ich bestimmt gebrauchen. Der danach angekündigte Artikel über „Gendermedizin“ klingt interessant, nur erschließt sich mir nicht, warum es dort so lange um Inkontinenz geht – ist das wirklich ernst gemeint? Auch im Rest des Heftes trifft Not auf Elend – immer schön die Zähne putzen, in Bewegung bleiben, 50 – na und? und Weihnachten aus aller Welt – ne, auf dieses Heft habe ich wahrlich nicht gewartet.

Ich wende mein Interesse also den weiteren Bestandteilen des Mailings zu: Eine Probe Shampoo, ein „Anti Haarverlust“-Produkt. Ich fühle zur Sicherheit nochmal nach – doch, er ist noch da, mein gewohnter, dicker Mopp an Haaren. Also schaue ich mir die Coupons an, vielleicht kann man davon was gebrauchen: Ja, doch, da ist schon was dabei. Die Firma Braun spendiert zwischen 10 und 50 Euro, wenn man Rasierer, Fön oder ähnliches kauft – das kann sich schon lohnen. Und Procter & Gamble legt noch richtig was drauf: 1,75 gibt es beim Kauf von Einlagen gegen Blasenschwäche, sogar 4 Euro, wenn man gleich die Blasenschwächenhöschen kauft. Einen ganzen Euro kann ich sparen, wenn ich mir die Premium-Haftcreme gönne – stark wie echte Zähne. Anti-Schuppenshampoo gibt es auch, außerdem die Creme für jüngere Haut. Dazu noch eine Zahncreme (für echte Zähne – das steht da zwar nicht, aber ich dachte, ich sag’s mal), ein Waschmittel und das kleine Wunder gegen Fett. Ob ich damit meinen Bauch kleiner waschen kann, steht da leider nicht.

Das Mailing ist sicherlich gut gemeint, aber wirklich schlecht gemacht. Personen mit Hang zu Pessimismus werden sich ob all der zu erwartenden Gebrechen gleich zu Bett begeben und als jemand, der Geschichten gerne zu Ende erzählt, hätte ich gerne 20% Rabatt auf Urnen und Särge. Irgendwann braucht schließlich jeder mal sowas …

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