Exotisches mit Gänseklein

Gänsekeule

Die leckere, aus dem Bild duftende Gänsekeule wurde zur Verfügunng gestellt von Michael Franke / http://www.pixelio.de

Andy war nicht nur der beste Hobbykoch seiner Männergruppe, er war auch ein begeisterter Zuseher bei Kochshows und hatte jede Gourmetzeitschrift abonniert, die am Markt war. So ergab es sich fast von selbst, dass er sich bewarb, als ein bekannter Fernsehsender zu einem regionalen Kochwettbewerb einlud. Es ging dort nicht nur um einen goldenen Löffel, sondern – neben Ruhm und Ehre – auch um die Gelegenheit, sich für die deutschen Löffelschwingermeisterschaften zu qualifizieren.

Andy wurde als Kandidat ausgewählt und bereitete sich sorgfältig vor. Zuerst wollte er eine Gans braten, doch angesichts der begrenzten Zeit entschied er sich für Gänsekeulen. Dazu sollte es ganz klassisch Rotkraut und Klöße geben, mit Soße natürlich. Auch ein Dessert wurde verlangt, Andy plante Crème brulée mit Ananas-Mango-Salat ein. Klassisch-süß, aber auch fruchtig leicht, das war sein Plan. Das Testkochen für die Männergruppe lief grandios, der Sieg schien Andy sicher.

Doch am Tag des Wettkochens war Andy nervös – nervöser als jemals zuvor in seinem ganzen Leben. Und so geschah, was noch nie zuvor geschehen war: Andy entglitt die Sache. Genau genommen entglitt ihm zuerst das Rotkraut: Es brannte schlicht an und stank fürchterlich. Fluchend hobelte Andy neuen Kohl, achtete dabei nicht auf seine Klöße und ließ diese im Wasser zerfallen. ‚Püree‘, dachte er, während er versuchte, das feucht-weiche Gebrösel aus dem Wasser zu retten, ‚daraus mache ich ein Kloßpüree.‘ Er stampfte die klebrige Masse, fügte Butter und Milch hinzu und verzog beim Probieren das Gesicht. Scheußlich wäre geprahlt gewesen. Er strich das breiige Zeug in eine Auflaufform und verteilte den gerade mal notgaren Rotkohl darauf. Irgendwas würde das schon ergeben. Aber was roch hier so komisch?

Andy sah nach den Gänsekeulen, die er im Ofen vergessen hatte. Schnell raus damit, verdammt, waren die heiß! Und dunkel – hier waren aus Röstaromen längst Restaromen geworden. Weg mit der stinkenden Haut und allem, was schwarz war – das Fleisch direkt am Knochen war gewiss noch genießbar. Er verteilte es auf dem Rotkohl: Das würde ein feiner Auflauf werden. Mit dem Mango-Ananas-Salat würde er die Bitterstoffe überdecken, und zum Überbacken taugte die Masse der Crème brulée.

Andy gewann nicht an diesem Abend. Sein Auflauf mit dem Namen „Exotisches mit Gänseklein“ wurde von der fachkundigen Jury zwar sehr gelobt, doch leider fehlte seinem Menü das Dessert, sodass es nur für den zweiten Platz reichte.

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