Spuren

Menschen kommen und gehen – das ist normal. Manche Leute, die einem begegnen, hat man wieder vergessen, kaum dass sie ganz aus dem Raum sind. An andere erinnert man sich, weil sie beeindruckend waren, oder skurril oder einfach auffallend. Sogar Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt, finden manchmal einen kleinen Platz in unserer Erinnerung – so geht es mir sogar mit Leuten, die ich nur aus der Straßenbahn kenne. Da ist zum Beispiel dieser Mann, der immer an der gleichen Stelle in den Bus einsteigt. Würde er einmal nicht mehr einsteigen, würde ich ihn zunächst nicht vermissen, mich aber irgendwann vielleicht doch daran erinnern, dass er mal da war. Und das, obwohl er gar keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat.

Personen, mit denen man jahrelang zusammen gearbeitet hat, hinterlassen da deutlich mehr Spuren. Da sind zum Beispiel die beschrifteten Kleiderbügel, die einige Kollegen früher immer für sich reklamiert haben – denn die B. wollte gefälligst jeden Morgen ihre Jacke auf den für sie reservierten Bügel hängen, genau wie der F. und die H. Einige respektlose Bürotrolle machten sich gerne einen Spaß daraus, gerade auf diese Bügel die eigene Joppe zu hängen – natürlich mit der Bügelbeschriftung nach innen, damit die Reservierer ordentlich suchen mussten, um das Utensil aufzuspüren. Obwohl diese Leute allesamt schon seit Jahren nicht mehr zu unserer Bürogemeinschaft gehören, hat man doch ab und zu mal einen dieser reservierten Bügel in der Hand und feixt vor sich hin, wenn man die Jacke darauf aufhängt.

Dann gab es den Kollegen, der die Werbeartikel produziert hat: Wahrscheinlich hat jeder von uns noch ein Überbleibsel von ihm im Schreibtisch. Paketmesser, Kugelschreiber und Lineale – alles made bei Ebi und konzipiert für die Ewigkeit. Damals wurde kein Schund gekauft, das hatte Substanz.

Auch durch Zitate, die zu Bon-Mots werden, hinterlassen Menschen Spuren im Alltag. Gerne denke ich an die Zeit zurück, als eine liebe Kollegin das Wunder Computer für sich entdeckte: „Mein Computer zuhause kann sogar rot schreiben!“, verkündete sie eines Tages stolz und wir zeigten ihr, dass der Firmen-PC das sogar auch konnte: „rot“. Der rot schreibende PC wurde für eine Weile zu einem geflügelten Wort, genau wie der „inkognito ertappte Kollege“, der natürlich eigentlich „in flagranti“ ertappt worden war.

Und dann gibt es Überbleibsel, die wurden einfach vergessen und werden in Ehren gehalten. Die vor sich hin kränkelnde Topfpflanze, der man unbedingt noch ein letztes grünes Blatt abringen möchte, die Espressotassen, die ab und zu nochmal hervor geholt werden, obwohl sie furchtbar unpraktisch sind, oder der einsame Sakko, der mitsamt Namensschild als Wanddekoration im Büro hängen bleibt: All diese Spuren beinhalten Erinnerungen, die mich lächeln lassen.

Sakko

Wanddekoration in der Exportabteilung

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