Schön ausgedrückt – Funktionskleidung

Um dieses Thema drücke ich mich schon eine Weile herum. Ich befürchte nämlich, dass ich mich mit meinen Gedanken über „Funktionskleidung“ als hoffnungslos altmodisch, wenn nicht als gar begriffstutzig oute. Meine Freundin Antje dagegen ist viel moderner, sie fragt mich oft, ob eine neue Jacke eine Funktion hat. Ich sage dann immer „ja“, denn in der Regel halten neue Jacken mich schön warm und sehen hübsch aus.

Mein Heim-Strand Dangast im Herbst – am Ende des Weges, wo man nur noch die Wahl zwischen Matsch oder Matsch hat

Allerdings musste ich vor einigen Jahren feststellen, dass der normale Mensch um die 40 wohl etwas anderes unter „Funktionskleidung“ versteht als ich: Wir trafen uns mit wirklich vielen Personen auf einem Gartenfest, es wurde eine Hochzeit gefeiert. Da es leider kühl war, trugen fast alle Leute Jacken. Vertreten waren eigentlich nur vier Marken: Jack Wolfskin, The Northface, dann das mit der Schweizer Fahne und noch irgendwas, das ich vergessen habe. Nur ganz wenige Leute trugen etwas anderes: Die Mutter der Braut war in Strick gehüllt, ein guter Freund trug Fleece und ich hatte ein solides Stück Rindsleder über dem Buckel. Wir fielen auf wie bunte Hunde, obwohl wir nicht froren – die Jacken erfüllten also ihre Funktion.

Im gleichen Jahr belehrte mich eine Dame auf Juist, dass meine Jacke – irgendeine ganz normale Jacke, über die ich bei Regen oder starkem Wind eine genau so normale uralte Regenjacke ziehe – für die Küste ganz gewiss nicht geeignet sei, ich solle mir bloß schnell eine „richtige, vernünftige“ Jacke kaufen. Als eingeborene Küstenbewohnerin fühlte ich mich da schon ein wenig veräppelt, schließlich habe ich meine norddeutsche Draußen-Kindheit ohne irgendwelche teuren Überlebensutensilien locker überlebt. Ich klärte die Dame über meine Herkunft sowie die geografisch-meteorologischen Gegebenheiten an der deutschen Nordseeküste auf, konnte sie aber eher nicht überzeugen.

Heute aber stieß ich in einem Katalog auf eine Funktion, die mich den Begriff „Funktionskleidung“ in einem ganz neuen Licht sehen ließ – vielleicht hatte ich den immer viel zu eng gefasst? Neben einem ganz normalen Langarmshirt stand zu lesen:

„Durch die praktische Krempelfunktion lassen sich die Ärmel bequem hochrollen.“

Ach so – Krempeln ist auch eine Funktion? Das hätte ich nicht gedacht. Es wird also Zeit, sich mit dem Thema „Funktionskleidung“ etwas intensiver zu beschäftigen – nicht, dass mir da was entgeht. Ich fragte Tante Google und kam zu Wikipedia. Da stand zu lesen:

„Als Funktionstextilien bezeichnet man Bekleidung und Heimtextilien aus Fasern, Garnen, Geweben und Gewirken bzw. Stoffen mit funktionellem Mehrwert.“

Aha – auf die Materialien kommt es anscheinend an. Es geht dabei um Wasser- und Winddichtigkeit, schwere Entflammbarkeit, UV-Schutz, Strapazierfähigkeit und vieles mehr. Die Materialien Goretex und Sympatex werden genannt, die die Atmungsaktivität von Kleidung fördern sollen. Es soll auch „intelligente“ Textilien geben, die leuchten, heizen oder andere kluge Dinge tun können. Vom Krempeln als besonderer Funktion steht da erst mal nichts.

Dann aber finde ich den Absatz über die sog. „Everywear“, die anscheinend auch dazugehört: Klamotten, die man bei unterschiedlichen Gegebenheiten anziehen kann. Als Beispiel werden Hosen mit kürzbaren Beinen oder Jacken mit herausnehmbaren Innenteilen genannt. Nun, da gehören Shirts mit krempelbaren Ärmeln doch gewiss auch dazu – mein Katalog hatte also recht mit seiner Werbeaussage. Nach kurzem Überlegen ordne ich meine handgestrickten Schurwollpullover auch in die Funktionskleidung ein, denn sie sind wärmeregulierend, nehmen viel Flüssigkeit auf, sind schmutz- und geruchsabweisend. Ziemlich gut, was diese Schafe da abliefern.

Google allerdings akzeptiert Wollpullis und Baumwollshirts nicht so recht als Funktionskleidung, hier werden mir fast ausschließlich die bekannten Marken, die „Outdoormode“ verkaufen, ausgegeben. Der Begriff „Funktionskleidung“ wird also kommerziell ähnlich eng gefasst, wie ich es ursprünglich getan hatte. Ich habe etwas den Verdacht, dass dieses Wort bunte Freizeitklamotten aufwerten soll. Natürlich sind diese Sachen nicht schlecht, bestimmt für draußen geeignet und modern. Aber dass man die zum Überleben in unseren Breiten unbedingt braucht, kann ich nicht so recht glauben – auch nicht, wenn mir noch mal eine Dame auf einer Insel einen Vortrag über zweckmäßige Küstenbekleidung hält.

Meike in total unprofessioneller Funktionskleidung

7 Kommentare zu “Schön ausgedrückt – Funktionskleidung

  1. Schietegal ob du Funktionskleidung mit Tatze, Fuchs mit Dickschwanz trägst, dieses neumodische Kram ist alles Schrott. Das hat mir sinngemäß ein professioneller Outdoorler gesagt. Der kauft derartige Kleidung, die sich aber auch Funktionskleidung nennt, aber Berufskleidung für Leute ist, die im Freien bei Wind und Wetter arbeiten. Hätteste mal bei der Hochzeit im Overall mit orangefarbener Straßenarbeiterjacke echt punkten können.

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  2. Als ich neulich den Katalog eines Kindersachenladen durchblätterte habe ich mich über die langärmelige Bademode für Kinder gewundert, die auch noch extra einen UV-Schutz hatte. Ich bin früher nackig am Strand gewesen und auch nicht kaputt gegangen. Und wenn ich doch mal rot war, haben es „normale“ lange Ärmel (ohne UV-Schutz) getan… In einer anderen Werbung gab es dann ein Plastikspielhaus mit UV-Schutz. Das hat eine Weile gedauert bis ich verstanden hatte, dass dort wohl eher die Farbe des Plastik geschützt werden sollte. Ich war immer noch gedanklich beim Sonnenbrand…

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  3. Pingback: Funktionskleidung mal anders definiert? | Antonias Blog

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