Onkel, Tante und der Rest

Ich bin in den 70er Jahren in der norddeutschen Tiefebene aufgewachsen. Dort duzt man sich sehr schnell und auch wir Kinder waren mit allen Nachbarn auf „Du“. Allerdings fiel mir später auf, dass wir mit der Ansprache dort nicht sonderlich konsistent waren: Wenige Leute sprachen wir nur mit dem Vornamen an, die meisten hatten ein „Onkel“ oder „Tante“ davor. „Oma“ gab es auch, das war natürlich altersabhängig. Und hier zeigte sich auch ein weiteres Durcheinander: Einige Leute wurden mit dem Vor-, andere mit dem Nachnamen angesprochen.

Strandkörbe auf meinem „Heimstrand“ in Dangast, irgendwann im Herbst

So gab es bei uns Oma Grete, die Großmutter unseres Spielkameraden Uwe. Die Großmutter von Carsten hingegen hieß Oma Jansen, nicht Oma Hanna – warum auch immer. Kurt und Helga waren Kurt und Helga, obwohl sie vom Alter her ähnlich waren wie Tante Helma und Onkel Karl-Heinz, und deutlich älter als Onkel und Tante Wöhler. Onkel Gerd und Tante Erika wohnten mit Oma Albertzart zusammen – ob die auch einen Vornamen hatte, weiß ich eigentlich gar nicht.

Völlig verwirrt war ich, wenn ich als kleines Kind mit meinem echten Opa Carl in den kleinen Tante-Emma-Laden in Altjührden ging: Denn er sprach die Ladenbesitzerin mit „Tant‘ Brunken“ an, sie nannte ihn „Opa Möhle“. Wie das gehen sollte, sie seine Tante, er ihr Opa, war mir schon als kleiner Stöpsel nicht klar und ich dachte intensiv darüber nach. Ohne Ergebnis natürlich, denn was sollte dabei schon herauskommen.

Andere Menschen wurden auch gemäß ihrer Funktion angesprochen: Aus einem mir unerklärlichen Grund wurde der Fischhändler bei uns „Piepfisch“ genannt. Ich kaufte also bei Herrn oder Frau Piepfisch ein. Dass die Leute bürgerlich ganz einfach Krüger hießen, erfuhr ich erst sehr viel später. Außerdem lernte ich, dass die Piepfische in der Familie einer Freundin Herr und Frau Schellfisch hießen – auch hübsch. Und bei Schlachters Erika kauften wir Wurst. Die wird auch einen Nachnamen gehabt haben, aber den erfuhr ich nie.

Mein Schwager haderte im Erwachsenenalter damit, dass er die Frau aus dem Bäckerwagen nicht ansprechen konnte. Er baute immer abenteuerliche Sätze, um die direkte Ansprache zu vermeiden, denn er empfand sich als zu alt, um „Tante Bäcker Meier“ zu ihr zu sagen. Und damit komme ich zu einem gravierenden Nachteil dieser eigenartigen Benamung: Im Erwachsenenalter ist man irgendwann über den Status hinaus, in dem man alle Leute mit Onkel oder Tante ansprechen möchte. Natürlich ist es kein Problem, zu sehr alten Leuten weiterhin diese vertraulich-respektvolle Anrede zu gebrauchen. Ist man aber vom Alter her nicht so weit auseinander, wechselt man besser auf den Vornamen. Zumindest empfand ich es als seltsam, als eine Nachbarin ihren damals fast vierzigjährigen Sohn aufforderte, für Tante Möhle – meine Mutter – noch eine Tasse zu holen. Bei mir sind zum Beispiel aus Onkel und Tante Wöhler inzwischen Wolfgang und Angela geworden – das geht mir deutlich besser über die Lippen.

Bei meinem Neffen bemerke ich inzwischen aber eine Veränderung, er spricht die Nachbarn inzwischen nicht mehr mit irgendwelchen verwandtschaftlichen Bezeichnungen an. Er wird sich später leichter tun. Es ist aber nicht in allen Familien so: Erst kürzlich hörte ich eine Frau zu ihrem kleinen Sohn sagen: „Lass die Tante mal da durch.“ Die Tante, das war ich – und fühlte mich, als wäre ich hundert Jahre alt.

3 Kommentare zu “Onkel, Tante und der Rest

  1. Als Stadtkind der Siebziger gab es bei uns nicht so viele Namen. Wir hatten eine Oma (mütterlicherseits) und eine Großmutter (väterlicherseits), der geschiedene Vater meiner Mutter wurde Opi genannt, während der 2. Mann meiner Oma auch Opa wurde. Die 2. Frau von Opi dagegen nannten wir Tante Ly (Elisabeth) und alle Geschwister unserer Oma wurden mit Tante und Vornamen angeredet.
    Unser Sohn nennt tatsächlich fast alle Verwandten beim Vornamen, uns selbst auch öfter, aber wir sind auch noch Mama und Papa. Die Omas und Opas haben wir nach dem Wohnort unterschieden, also zB Oma Burgdorf.
    Aber irgendwie finde ich solche Anreden, wie du sie von damals kennst, richtig klasse. Das hat so etwas Besonderes. Früher (also noch früher) hatten die Namen ja auch noch viel mehr mit den jeweiligen Tätigkeiten zu tun.

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  2. Diese Tante/Onkel-Sache finde ich ganz schrecklich spießig. Und verwirrt hat es mich damals auch. Die Schwester meiner Oma hieß Tante Erni. Darum war ich lange sicher, dass Sesamstraßen-Erni die Frau von Bert war. 🙂

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