Komische Gewohnheiten – die Morgentoilette öffentlich erledigen

Kürzlich musste ich schmunzeln, als ich einen jungen Mann beobachtete, der sich beim Warten auf die Straßenbahn sehr intensiv mit seiner Frisur beschäftigte: Er bürstete sein langes Blondhaar so intensiv, dass selbst die Loreley dagegen ungepflegt erschienen sein muss. 100 Bürstenstriche – oder waren es 1000? – sollten es am Tag sein, so stand es auch früher schon in den Dolly-Büchern zu lesen. Der junge Möchtegern-Adonis wurde auf jeden Fall nicht fertig mit der Frisiererei bis die Bahn kam und musste drinnen noch weiter machen: Denn mit dem Bürsten allein war es nicht getan. Der Schopf musste noch aufgedreht, zu einem Dutt gerollt und fixiert werden, eine mühsame und zeitraubende Geschichte. Ein abschließender Blick in den Spiegel beendete endlich das schwierige Geschäft.

Die ganze Palette

Besonders interessant fand ich den Mann wahrscheinlich, weil es ansonsten meistens Frauen sind, die ihre Morgentoilette in der Straßenbahn oder im Büro erledigen. Vor einer Weile saß ich einer jungen Frau gegenüber, die eine riesige Tasche mit sich herumschleppte, in der unzählige Schönheitsprodukte herumklapperten. Eines nach dem anderen wurde hervorgeholt und benutzt: Creme, Puder, Rouge, Lippenfarbe, Lidschatten und das Zeug für den Lidstrich, Wimperntusche, eine komisch Zange zum Rundbiegen der Wimpern und zum Schluss die unvermeidliche Handcreme. Besonders fasziniert hat mich, dass das Mädel in der Lage war, all diese komplizierten Handlungen in der wackelige Straßenbahn zu verrichten, ohne sich mit Stift oder Bürste ins Auge zu stechen oder beim Malen vorbei zu treffen.

Auch im Büro wird kräftig gecremt und gebürstet. Vor einigen Jahren saß ich mit Blick auf eine Kollegin im Großraumbüro, die ihre Rundum-Büropflege immer mit andächtig eingeträufelten Augentropfen abrundete: An die Decke starren, Unterlid fünf Zentimeter runterziehen, reintropfen … Allein schon von der Beobachtung her fangen meine eigenen Augen bei solchen Darbietungen an zu tränen.

Trotz meines öffentlichen „Bloglebens“ ist mir meine Privatsphäre einigermaßen wichtig – und Körperpflege gehört für mich zu den ganz privaten Verrichtungen. Ich finde es merkwürdig, so etwas öffentlich zu tun, und angesichts der starken Geruchsentwicklung von Nagellack und Co. auch nicht besonders rücksichtsvoll. Ich will meine Ansicht hier nicht für allgemeingültig erklären, schließlich gehört zumindest die Handcremetube für viele Frauen zum täglichen Equipment. Auch leide ich nicht unter trockener Haut. Doch ein exzessives Aufrüschen des Gesichts in der Straßenbahn bringt mich innerlich einfach zum Lachen – egal, ob bei Männlein oder Weiblein.

4 Kommentare zu “Komische Gewohnheiten – die Morgentoilette öffentlich erledigen

  1. Ich habe als Neuntklässlerin mal das andere Extrem erlebt: Waschraum der Schule morgens kurz vor acht. Ich umrande mir vor dem Spiegel die Augen und werde von einer Gleichaltrigen angeblafft: „Kannst du das nicht zuhause machen?“ Weiß sogar noch den Namen der Mahnerin. Stayfriends sagt, sie trägt heute einen Dutt und ist Krankenschwester. Da kann sie ja ihr strenges Regiment entfalten …

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