Vogelhochzeit in rot

Goya , Manuel Osorio Manrique de Zuñiga, Kind im roten Anzug

Bild von Francisco de Goya, Manuel Osorio Manrique de Zuñiga (1784–1792), gemeinfrei

Wie so oft hatten wir im Schreibworkshop ein Bild als Inspiration. Das Kind im roten Anzug von Goya ließ die Stifte nur so über das Papier flitzen, Ideen gab es reichlich. Hier ist meine:

Vogelhochzeit in rot

Paulchen kam sich blöd vor: Und das nicht nur, weil er einen Vogel am Band mit sich herumführen musste und die ausgestopften Katzen von Tante Rosi unheimlich fand. Nein, das Schlimmste war, dass er aussah wie ein Clown. Seine Haare, von der Mutter gestern erst frisch geschnitten, hatten die großen Schwestern zu wahren Lachsalven veranlasst – Topfschnitt nannten sie seine Frisur. Dabei hatte Mama ihm gar keinen Topf aufgesetzt, sondern hatte um das feine Nudelsieb herumgeschnippelt. Gut, dass das keiner gesehen hatte.

Heute Morgen hatten sie ihn dann in diesen albernen roten Strampelanzug gesteckt und ihm einen Geschenkschleife um den Bauch gewickelt. Er hatte sich gewehrt, aber als Mama aussah, als wolle sie ihm eine kleben, hatte er den Widerstand aufgegeben und sich auch noch goldene Ballettschleppchen anziehen lassen. Und das alles nur wegen dieser doofen Hochzeit.

Seine Cousine Lotte würde heiraten, einen Mann, der Michael hieß. Der wirkte ganz vernünftig, fand Paul, aber warum er die Lotte nahm, hatte ihm keiner erklären können. So ein dummes Ding war das, mit komischen Löckchen und schon ganz alt: 23, hatte Mama gesagt. Und einen dicken Busen hatte die – wenn Paul nur daran dachte, schüttelte es ihn. Nein, er würde nie heiraten, oder wenn doch, dann nur Antonia von gegenüber. Die hatte keine komischen Locken, erst recht keinen Busen und auch keinen Vogel.

Eine blöde Idee, das mit dem Vogel, dachte Paul. Das Tier war dressiert und sollte den Brautleuten in der Kirche die Ringe bringen – ganz toll. Und er, Paul, sollte bis dahin das Band mit dem Vogel dran festhalten. Seine Schwestern hingegen durften Blumen streuen und der Bruder mit Reis schmeißen – das Leben war doch ungerecht.

Paul trat nervös von einem Bein auf das andere. Gleich ging es los mit der Heiraterei. Hoffentlich kackte der Vogel der Lotte auf den Rock!

2 Kommentare zu “Vogelhochzeit in rot

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