Kunstbanausen

Kürzlich war ich mit meiner Freundin Frauke auf einer Kunstausstellung. Zugegeben, mit bildender Kunst kann ich zumeist nicht besonders viel anfangen, aber ich probiere es immer mal wieder aus. Fraukes Idee, zu einer Ausstellung von Doug Aitken in der Frankfurter Schirn zu gehen, fand also meine Zustimmung und der Rabattgutschein, den Frauke organisierte, machte die Entscheidung noch leichter.

Kunst

Nicht von Doug Aitken, aber auch merkwürdig: Über dieses Kunstobjekt wunderte ich mich im Winter. Es begegnete mir in der Nähe des Huntedeichs auf einer Wiese.

Wir starteten mit Hindernissen in den Abend, ich hatte mir den Termin nämlich falsch notiert und kam deshalb fast eine dreiviertel Stunde zu spät. Das ist für diesen Bericht eigentlich nicht wichtig, ich erwähne es nur für diejenigen, die mir immer vorwerfen, viel zu pünktlich zu sein – ich kann auch anders!

Natürlich hatte ich mich im Internet schlau gelesen: Die Ausstellung in der kleinen Schirn-Kunsthalle fand in den Medien großen Anklang, von mystisch, magisch und beeindruckend war die Rede. Na, das klang doch wie für uns gebacken. Wir betraten also die Ausstellungsräume, ließen uns ein erklärendes Blättchen geben und nahmen einen Klapphocker mit hinein – den brauchte man anscheinend. Das etwas wackelig aussehende Teil erwies sich übrigens als deutlich bequemer, als es aussah.

Gleich der erste Raum enthielt eine große Videoinstallation. Wir hockten uns auf unsere Hocker – deshalb heißen die wohl auch so – und guckten neugierig in die Runde. Verschiedenste Großstadtszenen, dazu wurde immer wieder das gleiche Lied gesungen. Es sangen Leute, die das teilweise gut konnten, teilweise aber auch welche, die besser noch ein wenig hätten üben sollen. Ich empfand den Wechsel der Bilder und die Musik als recht beruhigend und angenehm, konnte aber keinen roten Faden in der bunten Aneinanderreihung erkennen. Ich schielte zu Frauke: Die hatte den Faden anscheinend auch verloren und studierte im Halbdunklen emsig das Informationsblättchen. Und da stand allerhand drin: Dem Text nach ging es in dieser Installation in irgendeiner Form um die Gefühlswelt von Großstadtmenschen. Nun ja, das sind ja auch viele, diese Großstadtmenschen, also ist es gewiss gut, wenn sich jemand mal darum kümmert. Nach einer Weile hatten wir genug gesehen und zogen weiter.

Es folgte ein Raum mit einigen Objekten. Mir gefiel eine 1968, aus gebrochenen Spiegeln gefertigt – wäre das mein Geburtsjahr gewesen, hätte ich mir das in meinem Wohnzimmer vorstellen können. Laut Blättchen ist es das Geburtsjahr des Künstlers und ich bin glücklicherweise zwei Jahre jünger, sodass ich um den Erwerb des Objekts herumkam. Auch ein bewölktes Flugzeug gefiel mir recht gut.

Die nächste Installation zeigte etliche Monitore und schwarze Spiegelflächen, sodass in dem Raum sehr oft das abgespielte Video zu sehen war. Es zeigte eine Frau, hektisch und getrieben, mal glücklich, mal leer, Check-in, Check-out, Check-in, Check-out, with the need never to stopp. Damit konnte ich irgendwie schon ein wenig mehr anfangen, dachte ich zumindest, bis ich das Blättchen las. Die Befreiung der Menschen von ihrer Subjektivität war mir schlichtweg entgangen.

Nicht entgangen ist mir jedoch die drollige Frauengruppe, die wie eine Naturgewalt in den Raum gepoltert kam und mich unfreiwillig an einen norddeutschen Landfrauenverein denken ließ. Wie viel Lärm sieben Frauen machen können, ist wirklich unglaublich. Eine von ihnen tat sich besonders hervor, denn sie erklärte den anderen mit tragender Stimme jede kleine Selbstverständlichkeit: „Das ist eine Rauminstallation, im ganzen Raum!“ Aha …

Wir verließen den ungastlich gewordenen Rauminstallations-Raum und schlenderten in einen weiteren Videoraum. Was dort gegeben wurde, befremdete mich ganz besonders: Man sah Tiere in Hotelzimmern. Also niedliche Karnickel, die auf einem Bett hoppelten. Ein Reh, das um ein Bett herumlief und neugierig ein Geweih an einer Wand beäugte. Ein Biber, der in einer Badewanne badete, das Köpfchen unter das aus dem Hahn fließende Wasser hielt und sich scheinbar sehr zufrieden die Haare wusch – und das ganz ohne Schaum. Um den kleinen Kerl machte ich mir später ein wenig Sorgen, als er an einer Kanne heißen Kaffees vorbeitrippelte, aber offensichtlich sind Biber keine Kaffeetrinker und das Tierchen ließ seine Pfoten davon. Ein großes Katzentier (ein Puma?) räumte das Zimmer energisch um und ein Fuchs sah einfach nur possierlich aus. Wieder schielte ich nach einer Weile zu Frauke: Sie sah ausgesprochen ratlos aus, war aber wach. Das konnte man von dem Herrn, der direkt neben der Tür saß, nicht behaupten: Der war angesichts des Hotelbettes in seligen Schlummer gefallen. Zum Glück saß er auf dem Boden – sonst hätte diese Installation ihn vielleicht vom Hocker gehauen.

Eine letzte Installation namens „Diamonds“ stand noch im Blättchen, aber die ist uns irgendwie durch die Lappen gegangen. Wir widmeten uns jedoch noch einigen Objekten. Besonders faszinierte mich „Blau mit weißen Löchern“, denn es hing an der Wand und zeigte genau das: eine blaue Fläche mit weißen Einbuchtungen – toll. Leider hatte ich da schon meinen Hocker abgegeben, sonst hätte ich ein wenig davor hocken und das Werk auf mich wirken lassen können. So aber ging ich weiter und hörte mit einem halben Ohr einer Führung zu, auf der eine kunstbewanderte Dame ihren Zuhörern gerade erklärte, dass der Mensch mit dem Schwein verwandt sei, was leider allzu häufig übersehen werde. Die Meute nickte zustimmend und betrachtete dabei ein Spiegelkunstwerk mit dem Namen Run/End. Ich spähte dort auch hinein: Den Zusammenhang mit dem Schwein habe ich leider nicht gefunden.

Wir hatten genug und beschlossen, noch auf einen Wein zu gehen. So etwas können wir nämlich besser als Kunst. Beim Rausgehen kamen wir noch an einer „Klanginstallation“ vorbei: Wasser tropfte herunter in ein Becken – platsch. Wir hörten eine Weile zu – plitsch-platsch. Andere machten Fotos davon: Tropfen von oben nach unten. Wir wunderten uns darüber.

Ich möchte es noch mal betonen, dass mein künstlerisches Unverständnis gewiss nichts mit Herrn Aitken zu tun hat – die Sachen waren bestimmt alle gut gemacht. Trotzdem war diese Ausstellung nicht so recht meine Sache, auch wenn ich an diesem Abend viel Spaß hatte. Denn Gesprächsstoff gab diese Ausstellung uns auf jeden Fall. Nicht, dass wir das je nötig hätten, aber es schadet nie, in den Themen etwas abzuwechseln.

5 Kommentare zu “Kunstbanausen

  1. Sozusagen ein installierter HURZ. Ich merke, dass da doch ein gewisser intellektueller Zugang fehlt. Ich verfüge jedenfalls über mehrere Klanginstallationen in verschiedenen Zimmer des Hauses und würde sie niemals schnöde als „Wasser tropft herunter in ein Becken“ bezeichnen!

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      • Liebe Meike,
        ein bißchen mehr Phantasie hätte ich Dir schon zugetraut! Die Klanginstallation kann doch nur „Dichtung und Wirklichkeit“ heißen, zur Not ginge noch „Dichtung und Wahrheit“. Aber naja, du hast dich bemüht (, um das mal im Arbeitszeugnis-Deutsch zu umschreiben).

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      • Da du meine Erwartungen ansonsten „zur vollsten Zufriedenheit“ erfüllst, will ich mal gnädigst über diesen kleinen Ausrutscher hinwegsehen, drückt doch der Post „Kunstbanausen“ das aus, was ich bei derartigen Ausstellungen empfinde und erlebe. – und mich zu dem Schluss kommen läßt, ebenfalls zur Spezies der Kunstbanausen zu gehören.

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