Die totale digitale Vernetzung

Personenwaage, analoge Waage

Selbstoptimierung analog, Bild zur Verfügung gestellt von marika / http://www.pixelio.de

Eines vorab: Ich bin ein digitalbegeisterter Mensch. Ich besitze deutlich mehr Geräte, als eine Einzelperson benötigt, und arbeite im Digitalmarketing. Ohne ein Internetgerät bei mir gehe ich selten aus – es kommt aber vor. Und doch lassen mich einige Dinge kopfschüttelnd davor stehen – vor dem digitalen Wahn.

Immer wieder werden inzwischen Dinge angepriesen, deren Nutzen sich mir überhaupt nicht erschließt: Die elektrische Zahnbürste, die via App mit meinem Smartphone kommunizieren will – was haben die beiden sich denn so Wichtiges zu erzählen? Ob ich ordentlich geputzt habe oder ob sich Karius und Baktus noch am linken hinteren Backenzahn tummeln? Oder ob ich gar das Putzen geschwänzt habe, was nach einer großen Ladung Wein mit Korn wohl mal vorkommen kann? Klingelt dann mein Handy so lange, bis ich mich noch mal hochrapple und die lästige Pflicht nachhole? Oder werden meine Putzdaten sofort an meine Krankenkasse weitergegeben, die mir die Beiträge erhöht, wenn ich die falsche Zahnpasta benutze? Mysteriös …

Auch Waagen unterhalten sich inzwischen gerne mit dem Smartphone. Auf mein Gefrotzel, dass das Gerät die Gewichtsveränderungen dann wohl direktemang an Facebook weiterleite würde, antwortete meine Kollegin mir ganz ernst: „Nein, das habe ich abgestellt.“ Na, was für ein Glück. Wer weiß, wie das sonst auf Facebook auftauchen würde – vielleicht in so einem blauen Rahmen, wo auch immer diese Wesenstests drin auftauchen: „Welcher Rocksong bist du?“ (à Born to be wild!), oder „Welche Figur der griechischen Mythologie ist dir am ähnlichsten?“ (Ariadne mit dem Bindfaden). Am Ende würden dann da stehen: „Meikesbuntewelt, du bist eine Kreuzung aus Elefant und Buckelwal!“, oder so ähnlich.

Diese totale Vernetzung führt zu verstärkter Selbstbeobachtung und „Selbstoptimierung“, das kann man inzwischen überall lesen. Kürzlich sah ich im Fernsehen sogar einen kleinen Bericht, indem es darum ging, dass Krankenkassen überlegen, das Tragen dieser Selbstbeobachtungsarmbänder oder -uhren zu fördern. Eben wegen der Selbstbeobachtung, die ein dauerhaft schlechtes Gewissen produziert und so die Leute dazu brächte, sich mehr zu bewegen. Wenn dem tatsächlich so ist, ist das vielleicht ganz gut. Bei mir war es allerdings so, dass die ersten Menschen, die ich kennenlernte, Unternehmensberater waren, die 16 Stunden am Tag gearbeitet haben. Von Bewegung war da nicht die Rede, aber vielleicht können diese Dinger ja auch Herzinfarkte registrieren, an eine App senden und auf Facebook posten – das könnte in der Tat nützlich sein. Gut wäre dann natürlich noch ein „Gefällt-mir-nicht-Button“. Auf Facebook, nicht an dem Armband.

Gestalten wie ich, die ohnehin zur Hypochondrie neigen, könnten auf die ständige Analyse des Befindens auch mit Hysterie reagieren. Ich würde mich bei jeder Pulserhöhung wohl vorsichtshalber in die Nähe der Uniklinik begeben. Ich denke außerdem an einen Kollegen, der solch ein Armband besaß, das auch seinen Schlaf beobachtete. Kaum trug er es, stellte er mit Entsetzen fest, dass er kaum schlief – zumindest behauptete das das Armband. Er saß folglich übermüdet, gähnend und dem Erschöpfungstode nahe am Schreibtisch und litt gar fürchterlich. Fragte man ihn, wie er denn rein vom Gefühl her seinen Schlaf beurteile, meinte er immer, er hätte gut durchgeschlafen – aber offensichtlich nicht erholsam. Das bewies ja das Armband. Zum Glück gab das Ding irgendwann den Geist auf, was den Schlaf auf der Stelle wieder verbesserte und den Kollegen gesunden ließ.

Hinzu kommt noch, dass die moderne Technik kein Verständnis für unsere Wünsche und Bedürfnisse hat: „Ich dachte, mein I-Phone lobt mich mal“, äußerte eine Kollegin ihre enttäuschte Hoffnung. Sie hatte so gerackert und dieses schnöde Ding hatte ihre Bemühungen lediglich registriert, nicht aber gelobt. Wofür dann das Ganze?

Ein anderer Bekannter wurde digital gelobt, das aber war auch nicht recht: Es stand auf Facebook zu lesen, dass er 1,4 Kilometer gejoggt sei, in 25 Minuten – herzlichen Glückwunsch! Natürlich erntete er sofort hämische Kommentare, etwa die Frage, ob er einen Stein im Schuh gehabt habe oder ob er verletzt sei. Seine etwas verlegene Begründung, dass er den aufdringlichen Leistungsberichterstatter versehentlich eingeschaltet habe, als er morgens zum Brötchenholen geschlendert sei, sorgte nur für eine geringe Schadensbegrenzung.

Mir ist diese ständige Selbst- und Fremdbeobachtung durch irgendwelche Digitalgeräte etwas unheimlich. Daher schalte ich die GPS-Funktion meines Handys generell aus und poste auch nicht mein Essen auf Facebook. Es stört mich zwar nicht, wenn andere Leute all dieses tun, aber ich brauche das nicht. Und ich glaube, dass wir in einigen Bereichen auf einem unguten Weg sind – die totale Aufgabe der Privatsphäre bis hin zur Veröffentlichung der Vitalwerte kann nicht der Sinn all dieser eigentlich schönen digitalen Möglichkeiten sein.

2 Kommentare zu “Die totale digitale Vernetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s