Lebensgefahr – über die Nutzung von Trinkgläsern

Nicht jedes Glas wird so sicher gehalten wie dieses viel zu kleine Kölschglas

Das Leben an sich ist eine gefährliche Sache – in ausnahmslos allen Fällen endet es mit dem Tod. Das ist eine Tatsache, die ich bedaure, aber nicht ändern kann.

Natürlich bin ich nicht so fatalistisch eingestellt, dass ich Risiken hinnehme und willenlos dem Unfalltod entgegenlaufe: Ich passe auf der Straße auf, dass ich nicht umgefahren werde, schaue beim Überqueren der Straße nach links, rechts und wieder nach links und gehe auf dem Bürgersteig auf der Häuserseite. Außerdem esse ich regelmäßig Gemüse und lasse mich impfen. All das kann ich tun, um heil und gesund zu bleiben – und ich kann es für mich selbst entscheiden. Weil ich nämlich schon groß bin.

Für arrogante Heiterkeit sorgen die regelmäßigen Sicherheitsschulungen bei uns in der Firma. Das sind Online-Trainings und man muss die machen. Sonst kriegt man täglich eine E-Mail zur Erinnerung, und das ist richtig lästig. Also liest man sich die gut gemeinten Ratschläge der fürsorglichen Sicherheitskollegen halt durch – die machen ja auch nur ihre Arbeit. Man erfährt dabei, dass man beim Gehen nicht die Hände in die Taschen stecken soll, denn falls man mal stürzt, kann man ansonsten nicht die Hände zum Abstützen nehmen und knallt voll aufs Hirn. Das stimmt sogar, mein Cousin hat das vor Jahren mal ausprobiert. Man erfährt außerdem, dass man am besten flache Sicherheitsschuhe tragen sollte, was bei uns im Büro einfach niemand macht. Und man lernt, dass man regelmäßig lüften soll (hahaha … Spaßvögel!) und dass die richtige Beleuchtung wichtig für das Befinden ist. Nun gut …

Meine diesjährige Sicherheitsschulung habe ich also mehr oder weniger gelangweilt bis amüsiert absolviert und dachte, ich wäre durch damit. Aber nein, die Sicherheitsabteilung legte noch einmal nach: Sie schickte eine E-Mail – mehrsprachig, um alle Kollegen zu informieren – zur richtigen Handhabung von Gläsern in der Kantine. Ja, ganz genau, von Gläsern, das sind die Dinger, aus denen man trinkt, seit man dem Nuckelbecher entwachsen ist. Und so wurde das formuliert (Auszug):

Die Kantine wurde so geplant, dass der Gast erst nach der Aufnahme der Speisen als letzte Station zu den Getränken kommt.

Damit möchten wir sicherstellen, dass die Gefahr eines herunterfallenden Glases im Speisebereich möglichst gering gehalten wird.

Geht ein Gast, nach dem er Getränke & Gläser entnommen hat, wieder gegen den Gästestrom zu den Speisen zurück, führt dies nicht nur zu erheblichen Irritationen innerhalb des Ablaufes im Ausgabebereich, sondern die Gefahr eines herunterfallenden Glases steigt und der Speisenbereich wäre damit kontaminiert.

Diese E-Mail sorgte für viel Frotzelei. Richtig ernst genommen hat das – natürlich – niemand, schließlich sind wir hier nicht auf dem Kindergeburtstag. Die allgemeine Heiterkeit und deutliche Missachtung der Anweisung – noch immer laufen Menschen mit Gläsern gegen die offizielle Laufrichtung, erst kürzlich ertappte ich Kollegin C. dabei, wie sie nach der Getränkeaufnahme noch einmal zum Brotkorb ging – führte zu einer zweiten E-Mail, in der uns von einem Beinah-Unfall berichtet wurde: Angeblich sei in der Kantine – zum Glück nur fast – ein Unfall passiert, weil ein Mensch unkoordiniert mit seinem Trinkglas auf dem Tablett herumlief, dieses zerschellte, die Splitter umherschwirrten und in jemandes Essen landeten. Die Prüfung von „hochwertigen Plastikbechern“ als Alternative zu den gefährlichen Trinkgefäßen wurde in Aussicht gestellt.

Und da – endlich – geschah es: Mir wurden die Augen geöffnet und ich begriff, in welcher Gefahr ich seit Jahren schwebe. Und ich war zutiefst beunruhigt, denn:

Macht das unser Leben sicherer? Was ist denn, wenn ein Teller runterfällt? Sind dessen Scherben verträglicher? Wann gibt es endlich chlorfrei gebleichte Pappteller? Was ist mit den Irritationen, die entstehen, wenn einer mit einer Salatschüssel in der Hand herumrennt? Wie gefährlich sind unsere Messer, und sollten unsere Gabeln nicht weicher sein?

Des Weiteren bin ich für die Ausgabe von Schutzbrillen an die Mitarbeiter, denn viele hantieren sorglos mit gefährlichen Flüssigkeiten wie Balsamico. Auch kann von den Flaschen kohlensäurehaltiger Getränke der Deckel abspringen und zu Gesichtsverletzungen führen, von der Explosionsgefahr solcher Flaschen bei unsachgemäßer Handhabung ganz zu schweigen.

Und überhaupt – was ist mit unseren Füßen? Wie oft kommt es vor, dass man einander im Eifer des Gefechts auf die Füße latscht? Dies ist nur durch die Ausgabe von Sicherheitsschuhen in den Griff zu kriegen. Diese mindern auch die Rutschgefahr, die durch herniedersinkende Salatblätter sowie Soßentropfen ausgelöst werden kann – es braucht ja in unserer Kantine nicht mal Irritationen durch die berüchtigten Gegen-den-Strom-Läufer. Es reicht das bloße Betreten dieser unsicheren, von gefährlichen, heißen Substanzen und spitzen, scharfen oder unverdaulichen Gegenständen durchseuchten Umgebung, um in Gefahr für Leib und Leben zu geraten.

Ich fordere den verstärkten Schutz unserer Gesundheit beim Essen. Ich fürchte, eine einzelne Firma ist mit diesem Thema überfordert, das ist eine Sache, die durch die EU geregelt werden sollte, in Zusammenarbeit mit der WHO. Was sagt Angela Merkel dazu, und wo versteckt sich unser Gesundheitsminister? Ich finde, dieses demonstrative Schweigen zu diesem offensichtlichen Problem ist ein Skandal!

 

Nachtrag 1: Ein Kollege ging in seinen Forderungen nach mehr Sicherheit sogar noch weiter, er schrieb:

„Ich bin für rote Neon Sicherheitsstreifen auf dem Fußboden, damit jeder weiß, wo er lang zu gehen hat und einen Türsteher, der immer nur 20 Personen in den Kantinenbereich lässt. Schicht-Essen-Fassen-Prinzip.“

Danke, Thomas, für dieses Engagement!

Nachtrag 2 – was mir nachträglich Angst macht: Bis vor einem halben Jahr war die Kantine so aufgebaut, dass man sich das Getränk nebst gläsernem Trinkgefäß gleich beim Reingehen in die Kantine nahm. Erst dann gelangte man zur Essensausgabe. 12 Jahre lang habe ich das ganz unbefangen so durchgeführt. Was für ein Glück, dass ich noch lebe.

Nachtrag 3: Ich bin erwachsen und möchte bitte so behandelt werden. Sollte es Plastikbecher geben, hätte ich gerne welche ohne Benjamin-Blümchen-Motiv.

7 Kommentare zu “Lebensgefahr – über die Nutzung von Trinkgläsern

  1. Dürft ihr noch ohne Schutzhelm zur Arbeit gehen?! Könnte ja auch mal ein Blatt oder Ähnliches auf euer Haupt fallen??!!…. egal, freue mich, dich irgendwann im Nordwesten unbeschadet wieder begrüssen zu dürfen…..:-)

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