Jammern auf hohem Niveau

Fahne Flagge DeutschlandIn der letzten Zeit habe ich mich des Öfteren geärgert: und zwar über die Leute, die auf Facebook, in Foren oder auf irgendwelchen Kommentar-Platformen den Zustand unseres Landes bejammern. Denn ich finde, es geht uns ziemlich gut hier.

Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass es auch in Deutschland nicht jedem so gut geht wie mir: Denn ich habe eine feste, recht gut bezahlte Arbeit, eine schöne Wohnung, eine kleine, aber sehr nette Familie und gute Freunde. Das hat nicht jeder – schon klar. Und auch nicht jeder hat das Glück, seelisch, körperlich und geistig gesund zu sein. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, sind unterschiedlich und die Gründe dafür vielfältig. Aber ist das ein Grund, immer wieder über das Land, die Regierung oder den Zustand der Demokratie zu klagen?

Eine Facebook-Bekannte teilt immer wieder irgendwelche Beiträge, die sie als Beleg für den Verfall dieses Landes wertet. Davon abgesehen, dass ihre Interpretation dieser Beiträge sich oft nicht mit der meinen deckt, ärgern mich Kommentare wie: „Und das nennt man nun Demokratie“. Es finden sich immer Leute, die ihr zustimmen und sich offenbar als unterdrückte, ausgebeutete Mehrheit sehen – nicht als Minderheit, denn es geht ihnen ja immer um „das Volk“. Das ist schon ein eigenartiges Selbstverständnis: Jede Entscheidung, die mir nicht gefällt, ist undemokratisch – ja, nee, ist klar. Dass unsere Verfassung es erlaubt, jede auch noch so abseitige Ansicht frei zu äußern und zu verbreiten, fällt diesen Leuten dabei gar nicht auf. Auch nicht, dass sie alle ihr Auskommen haben und ohne Verfolgung und größere Notlagen hier leben können, ist anscheinend selbstverständlich und nicht genug. Es soll das bedingungslose Grundeinkommen her, mehr von allem für jeden auch ohne Gegenleistung und alles bitte sofort. Wenn das nicht klappt, liegt das daran, dass die Politiker alle korrupt sind, nichts können und sich die Taschen vollstopfen – mit dem Geld der „Lobbyisten“, bevorzugt der „Bankster“ oder der verschwörerischen Pharmaindustrie. Außerdem sollen endlich „die Reichen“ mehr zahlen – wer auch immer die sind, diese Reichen. Eine klare Definition von „reich“ würde mich mal interessieren, und auch, wie viel man den Reichen denn gerne wegnehmen möchte. Wahrscheinlich alles – muss ja gerecht sein.

Natürlich finde auch ich, dass nicht alles, was von der Politik beschlossen wird, vernünftig ist. So war ich nie ein Freund des Betreuungsgeldes und würde das Geld lieber in Kita-Plätze stecken, fand die Schulzeitverkürzung für Abiturienten wenig hilfreich und würde im Bundesetat gerne einiges umschichten. Auch würde ich gerne die Sozialleistungen aufstocken, weiß aber, dass das schwer zu finanzieren ist – sogar dann, wenn Meike aus der bunten Welt Kanzlerin wäre. Wunsch und Wirklichkeit gehen häufig auseinander, das muss man einfach akzeptieren.

In meinen Augen ist es einfach eine Frechheit, in Deutschland davon zu tönen, dass man unterdrückt sei, dass es keine Meinungsfreiheit gäbe und dass man in einem Überwachungsstaat lebe. Und zwar eine Frechheit gegenüber den Millionen von Menschen, die tatsächlich in solchen Verhältnissen leben müssen. Unser Land ermöglicht so Vieles: Auch wenn nicht jeder genau die gleichen Chancen hat und manche sich mehr abrackern müssen als andere, hat doch jeder Zugang zu Bildungseinrichtungen. In vielen Ländern ist das anders – wird man dort als Mädchen geboren, ist die berufliche Zukunft im Grunde gelaufen. Es gibt bei uns eine gute ärztliche Versorgung, auch wenn man manchmal lange auf einen Termin warten muss. Niemand schmiert einem hier Kuhmist auf eine Wunde und betet dazu, weil es keine andere Behandlungsmöglichkeit gibt. Man kann heiraten, wen man will und wann man will, auch wenn Homosexuelle noch nicht völlig den heterosexuellen Paaren gleichgestellt sind. Hier darf niemand mit elf Jahren zwangsverheiratet und niemand verbrannt werden, weil er den falschen Menschen liebt. Es gibt hier ein wirklich großes Maß an Freiheit und Sicherheit.

Natürlich gibt es auch hier immer noch was zu tun, ganz fertig ist so ein Land sicher nie. Es gibt noch immer Fremdenfeindlichkeit und Radikalismus in alle Richtungen – aber wie soll man die Dummheit ganz ausrotten? Und ganz gerecht wird es auch nie zugehen im Leben – einfach weil die Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten geboren werden, unterschiedlich leistungsfähig und –willig sind und auch immer das Glück eine Rolle spielt. Das ist einfach die Realität und wird wahrscheinlich immer so bleiben.

Wir können versuchen, uns dem Ideal einer besseren Welt weitestmöglich anzunähern. Jeder, der positiv denkt, leistet dazu seinen Beitrag: Sei es durch fleißige Arbeit, eine gute Rolle in der Familie, eine freundliche Art gegenüber den Nachbarn oder auch konstruktive Kritik an den Verhältnissen – die Möglichkeiten sind unglaublich vielfältig. Man muss kein Politiker sein, kein Genie und keine Arbeitsmaschine, um nützlich zu sein. Aber dieses Gejammer und Gemecker, dieses Verdammen derjenigen, die sich zwar bemühen, aber kein Paradies aus dem Ärmel schütteln können – diese unkonstruktive Miesepetrigkeit vieler Leute hilft wirklich überhaupt nicht weiter. Mit ihnen kann man nicht diskutieren, weil sie nicht diskutieren wollen. Sie wollen jammern, klagen, sich schlecht fühlen, und ziehen damit andere in den Kreislauf aus schlechter Stimmung, lautem Klagen und noch schlechterer Stimmung hinein. Und das ärgert mich, ja, es ärgert mich wirklich. Denn das ist doch einfach dumm!

5 Kommentare zu “Jammern auf hohem Niveau

    • Über irgendwelche Kleinigkeiten jammert man ja schon schnell mal – es entspannt ja auch ein bisschen. Aber über die Grundlagen unseres Lebens hier in Deutschland zu schimpfen -das finde ich bei den allermeisten Leuten einfach befremdlich.

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