Frust

Gerne hätte ich meine Schreiberlings-Kollegen getroffen

Heute habe ich meine Abendveranstaltung abgesagt. Nicht, weil ich keine Lust auf den Autorenstammtisch gehabt hätte, nein, ich bin sogar ganz pünktlich losgefahren. Gut, es ist elend weit dorthin, dieses Café in Fechenheim ist, wenn man es positiv formulieren möchte, am Allerwertesten der Heide. Dahin brauche ich länger als eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Genau deshalb bin ich ja pünktlich unterwegs.

Natürlich ist die Straßenbahn, mit der ich unterwegs bin, mal wieder nicht klimatisiert. Von diesen alten Dingern gibt es im Stadtgebiet noch 37 Stück, habe ich kürzlich irgendwo gelernt, und die fahren immer da, wo ich bin. Wahrscheinlich screenen die vom VGF meine Facebook-Einträge und haben mein Handy mit irgendeinem Überwachungsding verbunden, damit sie immer genau wissen, wann ich wo unterwegs bin. Nicht, dass mir in bei 35 Grad Außentemperatur in einer klimatisierten Bahn zu wohl wird. Ich weiß übrigens, dass das Jammern auf hohem Niveau ist, in meiner norddeutschen Heimat gibt es deutlich weniger öffentliche Verkehrsmittel, da freut man sich auch über untemperierte Uralt-Bahnen.

Ich fahre also mal wieder vor mich hin ölend mit der Linie 12 in Richtung Innenstadt, wo ich in die 11 nach Fechenheim wechseln will. Oder soll. Oder muss, ganz wie man es nimmt. Ich steige aus, gucke auf den Zuganzeiger und seufze: 12 Minuten in der prallen Sonne, wie schön. Es werden deutlich über 20 Minuten, immer noch in der Sonne, noch schöner. Dann kommt eine Bahn, voll bis unter den Deckel, ich schlüpfe einer zarten Ringelnatter gleich hinein. Soll heißen, ich quetsche mich irgendwo dazwischen – schließlich will ich irgendwann mal ankommen und nicht noch eine Bahn abwarten. Wir schleichen los.

Die Hanauer Landstraße in Frankfurt gehört nicht zu meinen Lieblingsstraßen. Die ist mir nämlich viel zu lang. Egal, wo man hinwill, es ist immer am anderen Ende, und Fechenheim ist am hinterletzten anderen Ende. Es dauert – Feierabendstau. Immerhin steigt jemand aus und ich finde, dass ich mich auf diesen Platz setzen kann – keine Omis und auch keine Schwangeren in Sicht. Da sitze ich dann. Und die Bahn steht. Ab und zu tuckert sie ein bisschen. Und dann eine Durchsage: „Aufgrund einer Baustelle gibt es ab Hugo-Junkers-Straße einen Schienenersatzverkehr.“

Mir reicht es, ich gebe auf. Mein Stammtisch hat lange angefangen, bis ich da bin, ist alles Wichtige gesagt – was soll ich dann noch beitragen? Hunger habe ich auch, wie ein Wolf sogar. Ich sprinte über die Schienen, werfe mich vor die nächste Bahn, die gerade zurückfahren will, und steige dort ein. Es ist heiß da drin, aber es geht in die richtige Richtung. Nach Hause.

Am Südbahnhof entere ich einen Backshop – heute gibt es also statt leckerem Flammkuchen zwei Blätterteigröllchen. Die sind noch warm und riechen auch gut, ich rede mir die Misere schön. Jetzt ab nach Oberrad, die Bahn kommt zügig – na, das flutscht doch! Blöd nur, dass mein Türschlüssel nicht passt.

Wahrscheinlich mache ich einen unglaublich dümmlichen Eindruck, wie ich da an der Haustür herumfummle. Es geht nicht, also wirklich gar nicht – was kann man denn beim Türaufschließen falsch machen? Kann man so was innerhalb eines Tages verlernen? Oder haben die heimlich das Schloss ausgetauscht? Eine Nachbarin kommt dazu, zum Glück passt auch ihr Schlüssel nicht, und auch sie ist ratlos. Wir bimmeln beim Hausmeister, er lässt uns per Türöffner ein, kommt uns ganz hilfreich mit seinem Schlüssel entgegengeeilt. Beiden ist uns mulmig zumute – was, wenn der die Tür nun aufkriegt? Was, wenn das mit der Tür wirklich ein Anwenderfehler war? Ansteckende Schlüsseldemenz – ob es so was gibt?

Vor der Tür steht eine Dame mit verlegenem Blick. Unser Hausmeister, ein älterer Grieche, reißt die Tür auf, fragt direkt nach: „Kommst du auch nix rein?“ Sie schüttelt den Kopf, nein, nix rein, Schlüssel geht nicht. Der Hausmeister frampt seinen Schlüssel ins Schloss – von innen geht es, von außen nicht. Er schraubt ein wenig – nun klemmt sein Schlüssel fest, von innen. Er wurstelt herum, wir drei Frauen stehen daneben, bemühen uns um den intelligenten Blick, schalten ab und zu das Licht wieder ein und sind ansonsten im Weg. Die Sache zieht sich. Keiner von uns will den netten Mann mit dem verklemmten Schlüssel einfach so da stehen lassen, wir gehen erst, als er uns dazu auffordert. Dazu kündigt er an, die Tür auseinander bauen zu wollen. Ich bin gespannt – hoffentlich komme ich da morgen wieder raus.

Endlich in meiner Wohnung angekommen ist es heiß – irgendwer hat es heute Morgen versäumt, die Markise runterzudrehen. Dafür sind die Blätterteigröllchen inzwischen kalt. Nun ja – man kann nicht alles haben.

5 Kommentare zu “Frust

  1. Das Theater mit der Tür kommt vielleicht von der Affenhitze.

    Bei mir fing es irgendwann im Juli an der Wohnungstür an – öffnen ging noch, aber Schlüssel zum Absperren ganz rumdrehen nicht. Und das ist ja auf Dauer zu unsicher, weil das für Einbrecher ein Klacks ist.

    Angeblich bringt es was, wenn man das störrische Schloss mal umdreht, also spiegelverkehrt einbaut, denn es ist dann immer noch richtig. Funktionierte aber nicht, das alte Ding war schon zu verzogen. Also hätte ich irgendwann eine Mail an die Hausverwaltung entworfen und dem Eigentümer geschickt, der damit ein neues Schloss bestellen könnte. Aber vor einer Woche war es für einige Tage kühler, und dann ging es wieder.

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  2. Öffentlicher Nahverkehr in Frankfurt ist scheinbar noch schlimmer, als in München. Und dann noch , „ich komm nicht rein“, dazu die Hitze, ach manno, Du tust mir ja fast ein bißchen leid. Dafür gab es aber wieder eine lustige Geschichte. Auch gut.

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