Die Namensbenachteiligung

Keine Sorge, in diesem Beitrag soll nicht schon wieder auf den armen Kevins und Britneys herumgehackt werden. Es geht vielmehr um Dinge, die schon durch ihren Namen abgewertet werden. Wenn sie denn einen Namen haben.

Die Namensbenachteiligung

Nachdenklich betrachte ich meine Hände: Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleiner Finger. Einmal rechts, einmal links, alles schön sortiert und benannt. Der Daumen hat es gut, „Daumen hoch“ ist spätestens seit Facebook ein stehender Begriff und positiv belegt. „Daumen runter“ natürlich auch. Der Daumen ist ein Indikator für gut oder schlecht, er kennt sich aus. Ähnlich ist es mit dem Zeigefinger – der hat eine Aufgabe. Er zeigt, so gut wie er kann das kein anderer. Dem Mittelfinger geht es da schon schlechter, zeigt er, wird er schnell als „Stinkefinger“ geschmäht. Also bloß schön unten lassen das böse Ding. Der Ringfinger ist per Definition der Schmuckträger. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht so recht, ich trage auch gerne einen Ring am Mittelfinger, was den Ringfinger jedoch nicht abwerten soll. Und schließlich der kleine Finger – der hat keine Aufgabe, kein Renommee, keinen schlechten Ruf, kein nichts. Er definiert sich ausschließlich über sein Aussehen, was oberflächlich und irgendwie ungerecht wirkt. Und doch kann der kleine Finger damit eigentlich zufrieden sein.

Denn viel schlechter geht es doch den Zehen: Da gibt es den großen Zeh, manchmal auch als „Anton“ bekannt, sowie den kleinen Zeh. Und dann die drei in der Mitte. Wie heißen die eigentlich? Heißen die überhaupt? Wenn man sie benennen soll, behilft man sich oft mit ihrer Lage: der neben dem großen Zeh oder der in der Mitte. Zeigezeh, Mittelzeh, Ringzeh? Auch das wird verstanden, zumeist aber belächelt. Irgendeinen lateinischen Namen werden sie alle drei haben, aber den kennt kein normaler Mensch. Folglich führen die drei mittleren Zehen ein Schattendasein, unbeachtet von der Welt und den Medien.

Ähnlich wie bei den menschlichen Gliedmaßen geht es übrigens bei den Fischen zu: Goldfische und Silberfische – der eine schillernd und prächtig, der andere ein Ärgernis im Badezimmer, das schnell mit dem Handtuch auf den Fliesen zerwischt wird. Und eine Frage drängt sich auf: Gibt es auch einen Bronzefisch? Was soll denn nach dem Silberfisch noch kommen? Unscheinbarer als den kleinen Fliesenwimmler geht es doch gar nicht. Ich befrage Wikipedia und Google – kein lebender Bronzefisch bekannt. Was für ein Glück – wer weiß, wie der ausgesehen hätte. Ich versuche mein Glück noch mit Eisenfisch: auch nichts. Nur hässliche Kunstobjekte, schlimm genug.

Ganz bestimmt kein Bronzefisch …

Bei Haustieren zeigt sich die Benachteiligung ähnlich klar: Ein Rassetier hat oft einen Rassetiernamen. Solche Hunde heißen nicht Bello oder Purzel, und auch nicht Herr Müller. Ein Rassedackel heißt gerne „Erasmus vom hohen Waldeck“ oder „Libella von Berlin-Schorndorf“. Die volkstümlichen, gewöhnlichen Namen werden für die Mischviecher aus dem Tierheim aufgehoben. Dort heißen Katzen Minka oder Mohrle, nicht Soraya oder Rasputin. Das ist nicht gerecht, zumal eine Minka oft robuster ist als das teure Zuchttier und ein Herr Müller mindestens eine genau so treue Seele sein kann wie der nervöse Rasseköter.

Es zeigt sich also ganz deutlich die Tendenz, Dinge ihrem Status entsprechend zu benennen. Namen mit Gedöns klingen bedeutend, Gold und Silber stellt eine klare Wertung da. Nichtbenanntes ist unwichtig, Bronze auch. Das gilt für vieles, fast möchte man meinen für alles, wäre da nicht diese komische kleine Firma, die Tee verkauft: Thiele-Tee. Denn Thiele Silber schmeckt nicht nur besser als Thiele Gold, er ist auch teurer. Warum das nun wieder so ist, weiß keiner, vielleicht müsste man dazu die Gründerväter der Firma Thiele befragen. Andererseits erstaunt es auch wieder nicht, denn es handelt sich hierbei um Ostfriesen-Tee. Und die Ostfriesen haben einen gewissen Ruf – offensichtlich zurecht.

4 Kommentare zu “Die Namensbenachteiligung

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