Das Softeis-Debakel

Seit meiner Kindheit schon esse ich gerne Süßes – das sieht man mir leider an. Ich mag auch recht gerne Eis, aber niemals Softeis. Ich kann das weiche Zeug nicht essen, es würgt mich im Hals. Gut, ich habe es bestimmt 15 Jahre lang nicht probiert, aber beim letzten Mal war es noch so. Und daran ist mein Opa schuld.

Meine Schwester und ich waren viel bei unseren Großeltern in Rastede: immer, wenn unsere Mutter im Krankenhaus oder in Kur war, und auch gerne zwischendurch. Sie wohnten gleich in der Nähe der Schule, was unglaublich praktisch war, und man konnte gut mit ihnen spielen: Oma war die Beste im Gummitwist, Seilhüpfen und mit dem Gymnastikball. Außerdem durfte man bei ihr Sachen machen, die man zuhause niemals-nicht hätte tun dürfen. Und Opa war ein großer Lego-Architekt, ein toller Stratege beim Mühle-Spielen und ein geduldiger Lehrer an den Karten. Und er war gerne auf den Festchen in der Gemeinde unterwegs – Spaß, Schnaps und Gesang! Oma war davon weniger begeistert, aber ich fand’s gut.

Karussellpferd

Ausflüge mit meinem Opa gehören zu meinen schönsten Kinheitserinnerungen: Springreiten im Schlosspark, Musikzugtreffen, Ellernfest, Ziegenmarkt oder Schützenfest – Opa und ich waren dabei. Und weil Opa immer überall dabei war, wurde es nicht langweilig, denn jeder kannte uns und überall hielten wir einen Schwatz. Gerne kaufte Opa auch einen Schnaps bei den netten jungen Mädchen, die mit einem Fässchen um den Hals über die Märkte liefen. Ich durfte dann manchmal den Rest aus dem Gläschen schlürfen und fand die Schnäpse mit Obst sehr lecker. Korn nicht so, aber ich war ja auch noch klein.

Einmal jedoch lief uns beiden ein Schützenfest aus dem Ruder. Das heißt, es passierte nichts Schlimmes, wir haben es nur übertrieben. Eigentlich war es toll: Opa und ich probierten alles aus, was man auf so einem kleinen Schützenfest machen kann: Pommes essen und Fischbrötchen, Karussell fahren, Lose kaufen und Bänder ziehen. Opa hatte bestimmt schon auf dem Platz ein paar Schnäpse und ich durfte probieren. Und dann gingen wir in den Schützenhof, Opa zum Skatspielen und Bier und Schnaps trinken, ich zum Kartenhäuser bauen und Fanta trinken. Und immer, wenn mir langweilig wurde, gab Opa mir fünf Mark und ich durfte rausgehen und das Geld auf den Kopf hauen. Das muss so in etwa 1976 gewesen sein – da konnte man mit 5 Mark noch etwas anfangen. Ich drehte mich also mit dem Karussell im Kreis, aß noch einen Berliner, zog noch mal Bänder, zeigte Opa meine Gewinne und bekam noch mehr Fanta. Und irgendwann, es wurde wohl schon dunkel, machten wir uns auf den Weg nach Hause. Ein letztes Mal Karussell fahren, vielleicht noch eine Bratwurst. Und dann ein Softeis – denn Opa meinte, dass man nicht auf einem Schützenfest gewesen sein könne, ohne dieses besondere Softeis gegessen zu haben. Ich lehnte ab: Irgendwas tief in mir drin sagte mir, dass dieses Softeis wirklich nicht mehr nötig sei. Doch Opa war über das Stadium hinaus, in dem er vernünftigen Argumenten gegenüber zugänglich gewesen wäre.

Ich war damals ein braves Kind, das nicht lange herumdiskutierte. Ich versuchte also mein Glück mit dem Softeis und es kam, wie es kommen musste: Ich kotzte den Segen des ganzen Nachmittags neben der Kirche an die Friedhofsmauer. Das Eis schmiss ich hinterher. Und Opa lobte mich für meine Klugheit, gleich dort zu spucken – dann müsse Oma sich nicht so aufregen, meinte er. Ach, ach, ach …

Oma regte sich schon auf, als wir noch gar nicht ganz drin waren. Satzfetzen wie „Du bist ja blau – und dat mit dat Kind anner Hand …!“, erreichten mein müdes Gehirn. Ich wusste nicht so recht, was Oma mit „blau“ meinte und guckte Opa forschend an: Naja, etwas rotgesichtig war er ja schon, aber blau war nun doch übertrieben. Alles in allem hätte es ein toller Abend werden können, wenn Oma nicht so übellaunig und mir nicht so schlecht gewesen wäre. Opa hatte gute Laune und machte noch allerhand Quatsch, bis ich irgendwann ins Bett musste. Ich hörte Oma unten noch ein Weilchen schimpfen – vielleicht hätten wir ihr etwas mitbringen sollen.

 

Anmerkung: Ich bin grundsätzlich dafür, kleinen Kindern KEINEN Alkohol zu geben und sie auch nicht probieren zu lassen. Allein, meine Kindheit verlief anders.

2 Kommentare zu “Das Softeis-Debakel

  1. Tja, Opa ist (fast) immer der Beste. Gebe mir auch immer Mühe, in Gegenwart der Enkelin gute Laune zu haben, Quatsch zu machen. Nur kommt sie inzwischen in ein Alter, in dem sie bei meinem supertollen Quatsch die Augen verdreht. Vielleicht hilft ein Obstelr – bei mir.

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