Die Siez-Diskriminierung

Die folgenden Gedanken sind ein Beweis dafür, wie sich die Dinge im Laufe der Jahre ändern und dass man es mir im Grunde nie recht machen kann: Ich spreche vom Duzen und vom Siezen und davon, dass es schwierig ist, gerade bei Personen im „Übergangsalter“.

Meike im Grünen

Meike im Duz-Alter, 1979

Das Übergangsalter – was soll das nun wieder sein? Ganz einfach: Als Kind wurde man bei uns im Ort natürlich gedutzt: beim Fleischer, beim Bäcker und wo man noch überall auftauchte. Irgendwann wurde man größer und wollte erwachsen sein – und fand diese Duzerei einfach nicht mehr angemessen. Bei uns hatte man dann natürlich Pech gehabt, denn Fleischers Erika und Frau Piepfisch aus dem Fischgeschäft kannten einen schon als kleinen Stöpsel und duzten natürlich munter weiter. Außerdem ist das in Norddeutschland sowieso so üblich, noch heute dutzt mich der Mensch am Fischwagen, wenn er mal wieder keine Salzheringe für mich hat. Erst nach meinem Umzug nach Bayern wurde ich beim Einkaufen gesiezt und konnte mir endlich erwachsen vorkommen.

Inzwischen ist die Sache jedoch anders gelagert: Die Traditionen und Umgangsformen ändern sich allmählich, und das eigene Bedürfnis ebenfalls. Die Firma, in der ich arbeite – zu Münchner Zeiten noch eine Ansammlung furztrockener Konservativisten – wird zu einem Duzverein, in meinem Bereich sprechen sich inzwischen vom Praktikanten bis zum Geschäftsführer alle mit Du an. Es kommt jedoch vor, dass neue Praktikanten unsicher sind: Wenn die dann fast alle duzen und nur bei den altgedienten Schlachtrössern wie mir auf das vertraute, Sicherheit bietende „Sie“ umschwenken, komme ich mir schon ganz schön alt vor.

Schlimmeres passierte meiner Freundin Birgit und mir vor ein paar Jahren beim Besuch einer Kneipe in Frankfurt – das Depot in Sachsenhausen: Das große Lokal war sehr voll dort, die wenigen verbliebenen Plätze wurden zugewiesen: „Ihr drei da mit an den Tisch, ihr beiden an die Theke!“ Es gab im Grunde nur noch Plätze auf Barhockern an hohen Tischen oder an der Theke. Uns hielt das nicht ab, wir hatten Durst. Doch als die Reihe an uns war, runzelte die nette Platzanweiserin die Stirn, wühlte in ihren Sitzplänen herum und war irgendwann ganz erleichtert: „Kommen Sie mal mit, ich habe was Schönes für Sie. Sie beiden kann ich ja nicht auf ‘nen Hocker setzen!“ Ganz baff trabten wir hinter ihr her und bekamen einen kleinen Zweiertisch in einer etwas ruhigeren Nische zugewiesen. Schön eigentlich, aber die Verblüffung darüber, dass wir als nicht mehr hockertauglich angesehen wurden, hatte uns doch einen mächtigen Stoß versetzt. Wir fühlten uns fast ein bisschen diskriminiert. Wäre der Platz nicht so ausgesprochen bequem gewesen, hätten wir vielleicht sogar dagegen aufgemuckt.

Deswegen freute ich mich kürzlich auch über die Frage „Brauchst du noch Zucker?“, die ein junger Kellner im Zug mir stellte. Ich brauchte keinen Zucker, kam mir aber sehr jung vor – das wirkte sich glatt auf die Trinkgeldhöhe aus. Und daran merkt man mal wieder das Schizophrene an der ganzen Sache: Denn wäre ich so jung gewesen wie ich mich in dem Moment gefühlt habe, hätte ich gar nicht die Kohle für ein Trinkgeld gehabt. Damit sah es damals nämlich noch sehr mau aus.

4 Kommentare zu “Die Siez-Diskriminierung

    • Aber, aber, Herr Doktor! Natürlich habe ich da differenziert. Ich glaube allerdings, dass wir beiden in München noch gar keine Berührungspunkte hatten. Und du musst schon zugeben, dass da sehr sonderbare Gestalten umeinander schlichen und seltsame Sitten und Gebräuche herrschen. Mahlzeit!

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