Flusskreuzfahrt 2015 – das organisierte Grüppchen

Wie die Mahner vor den Uneinsichtigen standen die Reiseleiter oft vor uns. Und diese Statue stand an einem Kirchenportal in Hoorn.

Wir hatten uns für eine Pauschalreise entschieden, weil wir uns erholungsbedürftig fanden und einfach mal hinter dem Schirm eines Reiseleiters hertraben wollten, ohne uns Gedanken über die Organisation machen zu müssen. Das hat wirklich gut geklappt: Wir bekamen unser Essen hingestellt, buchten die Ausflüge, die uns interessierten, und mussten dann nur noch pünktlich an Ort und Stelle stehen. Und das war denkbar einfach, denn der Treffpunkt lautete immer: 10 Minuten vor Abfahrt bzw. Abmarsch vor dem Schiff. Dieses Vorgehen wurde vor den jeweiligen Ausflügen immer wieder durchgesagt, sodass es eigentlich jeder hätte runterbeten können müssen. Dennoch musste die junge „Ausflugsverantwortliche“ immer hinter ihren Schäfchen herlaufen und wieder und wieder durchzählen. Und auch immer noch einmal erklären, wann nun ein Bus kommt, oder dass der als „Spaziergang“ ausgewiesene Ausflug tatsächlich zu Fuß stattfinden würde. Zumeist gab es den gleichen gelben Bus mit dem ruhigen, weißhaarigen Fahrer. Als einmal ein zweiter, weißer Bus mit blondem Fahrer dazu kam, führte das zu Verwirrung und Fremdelei – auch bei mir.

Antwerpen ohne Grüppchen: Rathaus und großer Markt

Eigentlich war alles so organisiert, dass nichts schiefgehen konnte: Die Fremdenführer waren nicht nur engagiert und gut informiert, sondern machten auch einen guten Job als Gänsemutter. Sie hielten die Gruppen zusammen und sorgten dafür, dass keiner verloren ging. Komischerweise war das nötig, denn es gab immer mal wieder jemanden, der es noch nach der achten Erklärung nicht begriffen hatte.

Stadtführung in Delft: unser Guide (links mit Mütze) sprach eifrig ins Mikrofon, derweil der Rest der Gruppe herumbummelte.

Gut waren die kleinen Geräte mit den Kopfhörern, mit denen man den Guide in der Regel gut verstehen konnte, auf wenn man nicht dicht gedrängt daneben stand, sondern irgendwo in Ruhe ein Foto machte. Oder schnell mal aufs Klo geflitzt war, wie ich im schönen Brügge. Lediglich die Tour zu Fuß durch das Rotlichtviertel in Amsterdam machten wir als ganz kleines Grüppchen ohne Ohrstöpsel: Unser Guide Claas wollte verhindern, dass wir sofort als Reisegruppe erkannt wurden. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass er selber als Fremdenführer erkannt wurde.

Wir machten allerdings nicht an allen Tagen organisierte Ausflüge, manchmal hatten wir frei. Dann erforschten wir alleine und ungeführt die angelaufenen Städte. Zu unserer Überraschung trafen wir dann immer wieder dieselben Leute, die anscheinend die gleichen Ideen in Sachen Landgangsplanung hatten. Das kann natürlich auch gut daran gelegen haben, dass man uns für jeden Hafen eine kleine Karte mit eingezeichneten und kurz beschriebenen Sehenswürdigkeiten zur Verfügung stellte, die dann alle mehr oder minder akkurat abklapperten.

Ein Käseladen mitten im Amsterdamer Rotlichtviertel: Hier bekammen wir eine ausgezeichnete Beratung und durften alles probieren. Den Laden fanden wir übrigens ohne Reiseführer.

Es kann jedoch auch daran gelegen haben, dass einige Reisende schlicht ähnliche Interessen hatten. Diesen Eindruck machte zumindest auch die Grüppchenbildung an Bord. Eine Mitreisende, die bislang immer nur mit der großen Aida kreuzgefahren war, sprach von Passagierzahlen zwischen 1600 und 2500 Männeken pro Reise, sie empfand unsere Reisegruppe von gerade einmal 150 Passagieren als „familiär“. Ich mit meinem schlechten Personengedächtnis fand das immer noch unübersichtlich, ich sah jeden Tag jemanden, der mir noch nie zuvor aufgefallen war. Und deshalb versuchte ich wie immer, mir einige Leute zu merken und so den mir unbekannten Menschenhaufen zu sortieren und zu strukturieren. Antje ging es anscheinend ähnlich. So gaben wir denen, die wir kennengelernt hatten, erst mal beschreibende Namen: die Schweizer, die Mörfeldener, die Aschenbecherfrau und ihr Mann (später umgetauft in „die Münchner“). Manche bekamen irgendwann echte Namen: Die beiden Berlinerinnen wurden zu Bettina und Meggie, der mit dem Bart und die Frau von dem mit dem Bart wurden zu Thorsten und Aurelie. Andere behielten die ganze Zeit ihre Beschreibung, weil man zwar öfter schwatzte, sich aber nie vorstellte – zum Beispiel die mit dem Ostakzent, oder die Blonde und der Schweiger. Und der Mann, der nie wusste, wann er auf Ausflügen wo sein sollte, hieß der Verwirrte – obwohl er im normalen Gespräch durchaus orientiert wirkte.

Erste Allianzen bilden sich durch ganz einfache Gemeinsamkeiten: zum Beispiel die Raucher. Die standen gerade bei Regen dicht gedrängt zusammen und lernten sich so zwangsläufig kennen. Dann gab es die gemeinsamen Ausflüge: Die Wenigen, die mit uns durch das abendliche Amsterdam spazierten, habe ich mir gemerkt. Und einige fand man einfach sympathisch und setzte sich zum Essen gerne immer wieder zusammen. Es bildeten sich also relativ schnell kleine Grüppchen, sodass man gerade in den letzten Reisetagen immer jemanden zum Schwatzen hatte. Und das ist eine feine Sache für einen schwatzhaften Menschen wie mich.

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