Ein gebrauchter Tag

Immer mal wieder höre ich den Ausdruck: „Heute hatte ich einen gebrauchten Tag!“ Ich denke, man kann sich in etwa vorstellen, was damit gemeint ist. Für diejenigen, die darüber noch rätseln, beschreibe ich hier einmal einen Freitag im Juni:

Dieser Tag begann bei mir sehr früh: Raus aus dem Bett, schön machen, Köfferchen schnappen und los. Ich wollte nämlich meine Freundin Antje im Saarland besuchen, gleich nach der Arbeit. Wir hatten große Pläne: Um 16 Uhr wollte ich in Idar-Oberstein einschweben, wo wir ein bisschen nach Schmuck gucken und evtl. kaffeesieren wollten. Dann um acht Schnitzel essen in der Nähe von Antjes Wohnort, dann Bier und Balkon. Das war das Timing.

Saarlouis Wallanlage

Wallanlage in Saarlouis

Also rumpelte ich schon deutlich vor acht in die Firma, bestieg den Lift und hüpfte im ersten Stock wieder raus, um mir in der Kantine ein Brötchen zu holen. Der nette Finanz-Heiko übernahm meinen Koffer und stellte ihn mir an den Platz, damit ich den nicht hin- und herschleppen musste – sehr aufmerksam. Ich holte also mein Frühstück, ging ins Büro, setzte mich dort nieder und das Theater ging los: Dauernd wollte jemand was von mir. Das Brötchen wurde nicht gegessen, sondern weich, der Kaffee wurde vor lauter Gram kalt. Ein 30-Minuten-Termin wuchs sich deutlich aus, danach wurde klar: Idar-Oberstein entfällt! Ich schrieb Antje eine Mail, dass es später werden würde. Kurze Zeit darauf wurde mir klar, dass es nochmal später werden würde, denn ich hatte morgens gut gelaunt meinen Geldbeutel nebst Fahrkarte und Gedöns zu Hause vergessen. Zum Glück hatte ich an den Koffer gedacht – man muss ja was für die Fitness tun, und da hilft Koffer tragen ungemein.

Also in großer Hektik alles erledigt, was zu machen war, mit fliegenden Fahnen (und Köfferchen) raus und das Portemonnaie holen. Gut, dann konnte ich mich auch gleich umziehen, ich hatte mich beim Mittagessen nämlich vollgekleckert. Natürlich kam erst mal keine Straßenbahn, aber da war ich inzwischen schon ruhiger, denn die ganz knappe Bahn, die ich mir ausgeguckt hatte, würde ich ohnehin nicht schaffen ohne Herzinfarkt. Also eine Stunde mehr Zeit. Und das war gut, denn als ich und mein Koffer nach dem Umziehen wieder unterwegs zum Bahnhof waren, wurde diese Bahn umgeleitet und juckelte gemächlich über die Altstadtstrecke. Und ich dachte nur noch an Bier: Ein Dosenbier wollte ich haben, oder auch eines in der Flasche – Hauptsache viel und kalt. Und das wollte ich auf der Fahrt ins Saarland austrinken, in einem Zug – zisch! Warm war mir nämlich auch!

Die Straßenbahn ließ sich so viel Zeit, dass ich mit langen Schritten den Bahnhof stürmen musste. Noch schnell zum Selbstbedienungs-Kiosk, ein großes Bier greifen – pinkelwarm! Ich bin ja recht schmerzfrei, was Getränke angeht, aber das ging dann doch nicht. Alle Biere wurden abgetastet, alle waren warm. Das fühlte sich verdammt nach kaputter Kühlung an. Aber da, was war denn das, da in dem anderen Kühlschrank? Ein halber Liter Apfelwein in einer Dose – kalt! Schnappen, bezahlen, losrennen, in den Zug springen, Dose aufreißen, vollkleckern – das alles passierte in gefühlt einer Minute. Aber egal, ich saß und hatte was zu trinken.

Saar in Saarlouis

Der Zug rollte los und blieb schon neben dem Dorint-Hotel wieder stehen. Und dann so etwa alle 500 Meter. Schon in Mainz hatten wir fast eine halbe Stunde Verspätung. Wieder schrieb ich Antje, dass es später wird. Und das wurde es in der Tat – und immer noch später. Überflüssig zu sagen, dass der Äppler längst ausgetrunken war – ich hätte einen ganzen Bembel voll kaufen sollen! Aus dem hätte man bestimmt auch besser trinken können als aus dieser komischen Schlabber-Dose!

Von Antje kam die Nachricht, dass sie unsere Schnitzel-Tisch-Reservierung verschoben habe – sie ist immer sehr umsichtig in solchen Dingen. Und sie tat gut daran, denn ich kam erst kurz vor halb neun tatsächlich an dem drolligen kleinen Bahnhof im Örtchen „Türkismühle“ an. Und ab da beruhigte sich der Tag allmählich: Zwar kleckerte ich mich noch ein letztes Mal voll, aber nur mit dem Salat. Und dann wandelte sich dieser gebrauchte Freitag zu einem Einstieg in ein perfektes Wochenende. Na also, du dummer Freitag, du – es geht doch!

 

Ein Kommentar zu “Ein gebrauchter Tag

  1. Ja, mit „freihändig Essen und Trinken“ habe ich manchmal auch meine Schwierigkeiten. Mit dem Chef am Mittagstisch sitzen und Nudeln mit Tomatensoße essen … Die Krawattenindustrie boomt bestimmt wegen dieser Tomatensoße.

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