Aus dem Poesiealbum – die Erhaltung des Menschen

Mit dem Mädchen, das mir diese Zeilen ins Album schrieb, war ich als Kind einige Jahre befreundet. Wir gingen zusammen zur Schule und spielten nachmittags miteinander. Als sie mir zu Grundschulzeiten – in der 4. Klasse waren wir damals – diesen Spruch ins Album schrieb, hielt ich den für sehr klug. Heute frage ich mich, was Nicole als Zehnjährige genau damit gemeint hat, und vor allem, ob sie eigentlich wusste, was sie damit alles hätte meinen können.

Der Zweck des Menschen

Mit diesem Satz ist mir etwas passiert, was eigentlich nur selten vorkommt: Tante Google kennt ihn nicht. Er steht in keiner Sprüchesammlung, ist anscheinend kein Zitat von irgendeinem weisen Menschen und war allem Anschein nach auch keine Parole in einer Bürgerbewegung. Ich bekomme einfach keinen vernünftigen Treffer. Hat die Freundin ihn sich damals vielleicht ausgedacht, oder stand er in irgendeiner Zeitung? Mysteriös.

In den 80er Jahren ging es vielfach darum, dass die Menschheit sich selbst vernichtet – angeblich gab es genügend Waffen für eine X-fache Pulverisierung von Mutter Erde. Ich habe das nie verifiziert, halte aber für wahrscheinlich, dass es so war, wenn nicht sogar noch ist. Das war in meiner Familie nicht unbedingt ein Thema, die entsprechenden Schlagzeilen wurden zur Kenntnis genommen, aber nicht wirklich mit uns Kindern besprochen. In der Familie der Schulfreundin war das anders, deren Mutter war eine der Ersten, die bei uns im Ort bei den Grünen aktiv war und die ganze Familie nahm an Aktionen zur Befriedung der Welt teil. Einmal durfte ich mit: Das Friedenscamp war für mich eine interessante, wenn auch niemals wiederholte Erfahrung. Ich gehe aber davon aus, dass Nicole mit diesem Poesiealbumseintrag irgendeine Botschaft vermitteln wollte, die zu ihren Erfahrungen und den Themen in ihrem Elternhaus gepasst hat.

Zeige ich den Eintrag heute jemandem, müssen die meisten grinsen, denn sie denken nicht an Umweltverschmutzung oder Cruise Missiles, sondern an Adam und Eva. Oder, weniger verschwurbelt ausgedrückt, nicht an die Erhaltung, sondern die Vermehrung des Menschen. Dieser Gedanke kam auch mir irgendwann, als ich in einem Magazin davon las, dass die Deutschen auszusterben drohen. Nun, im Moment kommt es mir hier noch nicht entvölkert vor, und die gute alte Mutter Erde ächzt inzwischen unter über 7 Milliarden Menschen. Sollte es also ganz dicke kommen hier, können wir vielleicht von irgendwo her auffüllen und uns so erhalten. Das mag auch aus Umweltgesichtspunkten nicht unvernünftig sein, wenngleich ich natürlich niemandem verbieten möchte, sich zu vermehren und auch auf diese Weise kräftig zur Erhaltung des Menschen beizutragen.

4 Kommentare zu “Aus dem Poesiealbum – die Erhaltung des Menschen

  1. Poesiealben waren auch zu meiner Zeit (vor allem bei den Mädchen) beliebt. Wenn mir eine Mitschulerin ihr Album gab, empfand ich das als Ehre, habe ich mich gefreut – wirklich. Aber dann kam der schlimme Teil. Ich musste einen „klugen“ Spruch verfassen. Meistens waren die bekannten (0-8-15-)Sprüche längst verarbeitet. Und ich wollt ja einen besonders schönen Eintrag verfassen. Ohne meine Mutter wäre ich verzweifelt. Die hat immer irgendwelche Bücher hervorgekramt und ein schönes Zitat gefunden. Dann musste ich es nur noch mit meiner schönsten Schrift (die es nie wirklich gegeben hat) eintragen.

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  2. „Der Zweck der Vernunft wie überhaupt der Zweck des Menschen ist es, für die Erhaltung des Menschen zu sorgen“
    stammt möglicherweise aus diesem Roman:Die Ohnmacht der Allmächtigen: Utopischer Roman
     von Heiner Rank erschienen 1973 im Verlag Das Neue Berlin

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