Das Schlüsselproblem

Vor kurzem ist es passiert, gleich zwei Mal. Ich habe immer befürchtet, dass es irgendwann so weit sein könnte, aber doch noch nicht jetzt! Ich bin doch noch viel zu jung für

Das Schlüsselproblem

Blechhuhn, BrilleSeit vielen Jahren bin ich regelmäßig in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wenn ich auf einem Bahnhof oder an einer Haltestelle stehe, scheine ich ein grünes I wie Information auf der Stirn zu tragen, denn ich gehöre zu den Leuten, die immer alles gefragt werden – das muss an meinem vertrauenserweckenden Äußeren liegen. Wenn ich kann, gebe ich gerne Auskunft, aber natürlich kenne ich nicht die Abfahrtszeiten sämtlicher Züge in Frankfurt, und schon gar nicht in Hamburg. So manches Mal schon habe ich auf den Aushangfahrplan verwiesen und hörte dann, dass die fragende Person den nicht lesen konnte, weil angeblich die Brille fehlte. Selbstverständlich half ich auch dann aus. Und sehr oft dachte ich danach, dass es für diese armen Analphabeten doch stressig sein müsse, immer diese Brillenausrede zu benutzen.

Seit Jahren schockiert mich die Tatsache, dass in Deutschland jede Menge Leute leben, die zwar eine Schule besucht haben, aber trotzdem nicht lesen können. Sie schlängeln sich durch den Alltag, erfinden Sehschwächen, weichen Hürden aus, indem sie einfach keine Formulare ausfüllen oder nicht mehr zur Arbeit gehen. Das ist schrecklich und sollte in einem Land wie diesem nicht so häufig vorkommen.

Doch inzwischen weiß ich, dass ich mit meiner Einschätzung, dass mein Gegenüber Analphabet sei, wahrscheinlich doch in vielen Fällen falsch gelegen habe. In jugendlichem Leichtsinn war mir damals nicht klar, dass man nicht alt und klapprig sein muss, um Probleme mit dem Lesen eines Fahrplans zu haben. Inzwischen trage ich selber eine Brille und komme damit gut zurecht, im Sommer aber hatte ich zweimal das Problem, dass ich keine Sehhilfe auf der Nase hatte und so buchstäblich im Nassen stand. Ich stand nämlich tropfend im Schwimmbad, mit meinem Schlüssel in der Hand, und konnte die eingestanzte Nummer nicht lesen.

Dieses Geflügeltier bekam ich von einer lieben Freundin zum Geburtstag. Es ist als Brillenhalter wirklich nützlich.

Zu meinem Glück habe ich ein recht gutes Gedächtnis und hatte mir einigermaßen den Ort gemerkt, an dem ich meine Sachen eingeschlossen hatte. Beim ersten Mal hatte ich einen Eckschrank, den ich sofort wieder fand. Beim zweiten Mal musste ich jedoch mehrere Türen ausprobieren, bis ich mich abtrocknen konnte. Natürlich hätte ich einige der dort rumhängenden Jugendlichen fragen können, ob die mir mal meine Schranknummer vorlesen können, aber die hätten mich dann sicher für des Lesens unkundig gehalten und diese Schmach wollte ich mir ersparen. Inzwischen bin ich dazu über gegangen, mir die Nummer meines Schrankes gut zu merken und sie beim Schwimmen immer leise vor mich hin zu brabbeln. Wann man sich geschickt anstellt, bekommt man dabei nicht mal Wasser in den Mund. Irgendwann werde ich wahrscheinlich mit Brille schwimmen gehen müssen, um im Anschluss an das entspannende Geplätscher nicht in der Herrendusche zu landen. Aber das ist noch eine Weile hin, und vielleicht fällt mir bis dahin auch für dieses Problem eine pragmatische Lösung ein.

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