Warum?

„Warum machst du das?“, fragte mich vor einer Weile eine Kollegin und bezog sich auf mein Interesse am Schreiben und meine Bloggerei. „Selbstdarstellung“, lag mir zuerst auf der Zunge, doch das ist eigentlich nicht der Grund. Der wurde mir ein paar Tage später klar, als mir im Zusammenhang mit dem Tod von Günther Grass dieses Zitat von ihm unterkam: „Schreiben bietet die Möglichkeit, absolut verlorene Dinge mit literarischen Mitteln wieder entstehen lassen zu können.“ Das trifft es für mich ziemlich genau.

Darum!

Das immer-dabei-Notizbüchlein: Das habe ich immer in der Hosentasche und trage schreibe dort alles hinein, was mir im Laufe einesTages so zufliegt.

Die meisten von uns erinnern sich gern. Je älter wir werden, desto mehr schlechte Dinge blenden wir aus oder verklären sie, so dass die Vergangenheit eine perlmuttglänzende Patina bekommt. Selbst Dinge, die wenig erstrebenswert waren und uns auf die Nerven gingen, bekommen im Nachhinein einen gewissen nostalgischen Charme – man denke nur an den unsäglichen Bandsalat oder das Wählscheibentelefon.

Wenn wir Geschichten schreiben, lassen wir unsere Erinnerungen auferstehen: Der Protagonist erhält die Züge eines Schulkameraden, angereichert um die zu kurzen Krawatten eines Kollegen und den Geruch nach Mottenkugeln, den wir zuletzt in Omas Kleiderschrank gerochen haben. Die Schubladen in unserem Gehirn sind voll mit Erinnerungen, guten und schlechten, und wir bedienen uns ihrer wie aus einem Baukasten. Stein für Stein fügen wir unsere Geschichten zusammen, nutzen unsere Erfahrungen und erleben auf diese Weise Schönes und Schreckliches noch einmal. Dieses Mal haben wir jedoch die Option, etwas zu verändern. Oder wir lassen erleben: Wenn wir die unsympathische Antiheldin mit dem Aussehen und den Charakterzügen unserer liebsten Schulfeindin versehen, ihr vielleicht sogar deren Namen geben und sie anschließend mit Hochgenuss durch den literarischen Dreck ziehen, kann das nicht nur Spaß machen, sondern sogar eine Aufarbeitung unglücklicher Teenagerzeiten sein.

Interessant finde ich, dass ich selbst bei Geschichten, deren Themen mir an sich völlig unbekannt sind, meine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen zur Hilfe nehmen kann, um aus ihnen etwas Neues zu gestalten. Normale Alltagserlebnisse können mit einem Schuss Fantasie zu unglaublichen Begebenheiten vermixt werden. Und ganz normale Leute, die man irgendwann einmal kennen gelernt hat, geben ein gutes Muster für Helden und Antihelden. Man ahnt zunächst gar nicht, wie gut sich die so ländlich-sittlich wirkende Nachbarin als Massenmörderin macht, wenn man sie in ihrer Kittelschürze vor sich sieht, wie sie gerade den Garten umgräbt. Man muss halt nur hinzufügen, was sie dort gerade vergräbt. Das kann man ohne Probleme tun, ohne jemals zuvor selber jemanden umgebracht zu haben. Die Erinnerungen sorgen für den Realismus in der Geschichte, den Rest erledigen Fantasie und Recherche.

Ich gebe es ja zu: Eine schöne Schrift habe ich nicht gerade!

Für mich gibt es kein befriedigenderes Hobby als das Geschichten schreiben. Es macht Spaß, lässt mich sowohl meine kitschige als auch die eine oder andere dunkle Seite ausleben und ist immer wieder anders. Jemand fragte mich, ob das nicht zu viel Arbeit sei, stundenlang an einer Geschichte herumzubasteln. Ich empfinde das nicht so. Es ist für ein schöner Ausgleich zur täglichen Arbeit,und wenn ich mal nicht schreiben will, lasse ich es einfach. Das passiert aber selten – meistens will ich.

Auch empfinde ich es als sehr anregend und schön, aus den kleinen, alltäglichen Beobachtungen etwas zu machen: Die dummen Sprüche eines Kollegen, die sonderbaren Begebenheiten in den öffentlichen Verkehrsmitteln – all das hat das Potential, zu unterhalten. Ich fühle mich von meinem täglichen Alltag oft sehr gut unterhalten und möchte meine Leser daran gerne teilhaben lassen.

Notiert, sortiert, verarbeitet und gestrichen …

Ja, und damit sind wir wieder bei der Selbstdarstellung: Natürlich macht es mir Spaß, meine Ideen hier im Blog zu veröffentlichen oder ab und zu ein paar Geschichten irgendwo vorzulesen. Zu erfahren, was andere über meine Schreibereien denken, ist mir schon wichtig. Daher mache ich auch gerne bei Schreibworkshops mit. Denn nicht zuletzt ist das Schreiben ja auch ein Handwerk, das geübt werden will und verbessert werden kann. Dafür will ich meine Sachen mit anderen diskutieren und hören, wo es vielleicht noch klemmt oder wo es gut ist. Daher freue ich mich auch immer sehr über Kommentare hier im Blog.

7 Kommentare zu “Warum?

  1. Ach, ich würde das nicht so eng sehen. Es passiert doch jeden Tag ob nun im Alltag oder auf Facebook, dass man sich selbst darstellt. Ein Foto vom verbrannten Kuchen – wer will sowas schon posten 😉 😀 Und auch in persönlichen Begegnungen, der erste Eindruck zählt, also berichtet man von den Dingen, auf die man selbst stolz ist und gibt vielleicht auch gern ein bisschen damit an ^^
    Ich denke, Selbstdarstellung ist menschlich und keinesfalls nur mit dem Bloggen verknüpft ^^

    Liebe Grüße, Tinka 🙂

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  2. Schreiben fördert die Fantasie – bei dir. Ich sag immer, für mich ist es eine Art von Gehirnjogging. Zudem beschäftige ich mich intensiver mit Themen, Begriffen oder dem, was mich interessiert, wenn ich nicht nur darüber nachdenke, sondern auch noch mal hier und da nachforsche googeln heißt das wohl heute. Dringe tiefer in diese Dinge ein.

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  3. Liebe Meike, die letzten zwanzig oder gar dreißig Minuten habe ich deine Texte gelesen, gelesen, gelesen. Und hierbei beinahe vergessen, worum es mir ursprüngleich eigentlich ging…und in der Hauptsache auch jetzt noch geht. SOS (SOCIAL ORGANIZATION SOCIOLOGY) also ein SOS-Kinderdorf da irgendwo auf dem afrikanischen Kontinent, ist mein Anliegen. Am 30.04. beantragte ich eine Kinderpatenschaft. Bis zum heutigen Tag, nach also 31 Tagen, vermochte man es nicht, in dieser Angelegenheit auch nur einen einzigen Schritt voran zu kommen.
    Ich verstehe hier gar nichts mehr. Werde natürlich heute dieser Organisation mal kräftig in den H. treten. Bei dir, sagtest Du, brauchte es nur wenige Tage und Du warst eine glückliche Patentante. Ob die mich vergessen haben? Stichwort Komunikation: Wie, Meike, macht ihr das? Ist es eine Korrespondenz auf allein virtueller Basis oder schreibt ihr euch noch so richtig per Brief und Siegel? Und dann…Trommwirbel…in welcher Sprache? Es würde mich freuen, von dir die nächste Zeit zu hören oder doch vielmehr zu lesen………..Du schreibst wirklich schön!

    Lieber Gruẞ
    Frank

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    • Hi Frank,

      erst mal herzlich willkommen und viel Spaß im Blog – freut mich, dass es dir gefällt!

      Zur Patenschaft: Ich bin ja auch erst seit Mail stolze Patentante, es ging aber wirklich schnell. Aus Laos bekam ich einen einfachen Brief und wenn ich selber Kontakt aufnehmen würde (was ich wohl ein bis zweimal im Jahr tun möchte), würde das ebenfalls per Brief sein. Den schreibe ich auf Englisch und der Dorfleiter übersetzt den für das Kind. Rückantworten erwarte ich übrigens nicht – der kleine Junge soll erst einmal unbeschwert Kind sein. Wenn er mir schreiben möchte, ist das o.k., wenn nicht, aber auch.

      Ich hoffe, dass du bald was aus Afrika hörst,
      viele Grüße
      Meike

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      • Hallo Meike,
        toll, dass das so prompt klappt mit unserer Kommunikation. Wirklich super! Habe heute SOS in München angerufen und um eine Erklärung nachgesucht. Man rief mich eine gute Stunde später zurück und meinte, dass mir bei meinem ersten Bemühen ein Fehler unterlaufen wäre. Eine Unklarheit. Weiß nicht mehr, worum es da ging, ist ja aber nun auch egal. Die nächsten ein oder zwei Tage soll dass alles wohl seinen Lauf nehmen. Zwei Kinder sollen es ja werden. Kontinent Afrika, Land oder gar Geschlecht natürlich egal. Nur sollten halt noch diverse Optionen in seiner/ihrer Entwicklung offen sein. Ein Europa-Puzzle, die Grimms-Märchen, ein Bilderbuch aus Deutschland oder was auch immer…so als erstes Geschenk. Ich hoffe, dieser Enthusiasmus hält an. Netter Gruß
        Frank

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