Schön ausgedrückt – sich fremdschämen

Ach, ist das peinlich! Bild zur Verfügung gestellt von BirgitH auf http://www.pixelio.de

Diesen Begriff warf Bloggerkollege Philipp Elph (seine beiden Blogs sind sehr lesenswert: Notabene und Krimilese) ins Rennen. Er scheint mit diesem Wort, dass in der letzten Zeit so oft benutzt wird, nicht so recht etwas anfangen zu können. Mir hingegen kamen sofort Situationen in den Sinn, in denen ich mich fremd, also für andere, geschämt habe. Grund genug, sich diesen Ausdruck einmal näher anzusehen.

Ohne große Hoffnung auf Erfolg begann ich die übliche Online-Recherche über Tante Google -und siehe da, fremdschämen steht sogar im Duden. Das hätte ich nicht gedacht. Der Eintrag gibt auch nicht besonders viel her: Der Begriff gilt als umgangsprachlich, wird laut Duden selten benutzt (das stimmt nicht!) und bedeutet „sich stellvertretend für andere, für deren als peinlich empfundenes Auftreten schämen“. Aha. Nun, da wären wir auch wohl noch selbst drauf gekommen. Interessanter ist das Datum, an dem das Wort aufgenommen wurde: Das war erst 2009. Und in Österreich war es 2010 das Wort des Jahres. Also scheint das Fremdschämen ein ziemlich neues, aktuelles Phänomen zu sein. Oder doch nicht?

Weiteren Aufschluss bringt ein sehr interessanter Artikel auf n-tv.de aus dem Jahr 2011. Hier wird davon ausgegangen, dass der Begriff des Fremdschämens zwar recht neu ist, das eigentliche Gefühl aber nicht. Es wurde also durch diesen Ausdruck nur eine Lücke im Vokabular geschlossen. So wird aus einem Modebegriff plötzlich etwas Elementares, das schon immer gefehlt hat. Damals fiel das nicht so auf, vielleicht weil wir damals noch kein DSDS und keine Selbstentblößung auf Facebook hatten und uns nicht so oft fremdschämen mussten.

Fremdschämen hat etwas mit Empathie zu tun, mit Mitfühlen. Anscheinend schämen wir uns oft für jemand anderes, wenn der es offensichtlich nicht selber tut und wir finden, dass er es tun sollte. Benimmt sich also ein Bekannter im Restaurant in unseren Augen unmöglich, reagieren wir an seiner Stelle mit Scham, wissen nicht mehr, wo wir hingucken sollen, haben ein Fluchtbedürfnis. Fremdschämen hat also auch etwas mit Normen zu tun: „Das tut man nicht“ haben viele von uns gelernt und fühlen sich schlecht, wenn eine durch sie akzeptierte Norm verletzt wird.

Auch, wenn etwas Furchtbares im Fernsehen zu sehen ist, empfinden viele Menschen etwas wie Scham, auch wenn sie den grauslichen Möchtegern-Sänger oder die blondierte Frau, die von ihrer preiswerten Brustvergrößerung in einem Keller in Bratislava erzählt, nicht persönlich kennen. Diese Leute machen sich in aller Öffentlichkeit lächerlich, das lässt uns mitfühlen, mitleiden. Denn auch wenn sie das im Moment nicht merken: irgendwann werden sie es zu spüren bekommen, dass ihre „15-Minuten-Berühmtheit“ (Andy Warhol)  einen hohen Preis hat.

Auch die seriöse Apotheken-Umschau greift übrigens das Fremdschämen auf. Dieser kleine Artikel kommt zu einem versöhnlichen Schluss: Er lautet, dass derjenige, der sich über eine Sache gehörig fremdgeschämt hat, nicht Gefahr läuft, den gleichen Fehler selber zu machen. Naja, das ist doch schon mal was.

Und so freue ich mich, dass dieses Gefühl, dass es schon so lange gibt, endlich einen Namen bekommen hat, danke Philipp für die Inspiration und hoffe, dass man sich nicht gar zu oft für mich fremdschämen muss. Ich geben mir zumindest Mühe!

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Nachbemerkung: Der kleine Kerl im Bild ist übrigens nicht schüchtern oder peinlich berührt, sondern auf Balztanz unterwegs. Laut Bildinformation ist es ein südamerikanischer Blaufußtölpel.

Ein Kommentar zu “Schön ausgedrückt – sich fremdschämen

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