Zuhause-Töne

Es gab eine schöne Aufgabe im Schreibworkshop: Wir sollten über die Frage nachdenken, welche akustischen Dinge dafür sorgen, dass wir uns zuhause fühlen. Natürlich fühle ich mich heute mit anderen Tönen zuhause als früher, doch meine Gedanken flogen als erstes zurück in die Kindheit, zu den Geräuschen, die mich beim Einschlafen oder Aufwachen umgaben. Und da klang es so:

Zuhause-Töne

Die Frau hinter mir hat einen Hüftschaden. Ich habe dies nicht gesehen, aber ich höre es: Ich weiß, wie ein Hüftschaden klingt, ich habe mir das jahrelang akustisch angeeignet. Es klingt wie laufen mit einer Pause: Und … Schritt! Und … Schritt! Und … Schritt! Und … Schritt! Das eine Bein läuft lauter als das andere, besonders in Pantoletten. Wenn ich früher in meinem Kinderbett lag, hörte ich meiner Mutter bei der Hausarbeit zu, bevor ich irgendwann in den Mittagsschlaf sank. Und wenn ich aufgewacht bin, war vielleicht Papa schon wieder da, dann wurde gehustet. Mein Vater hat auf eine ganz bestimmte Weise gehustet, zumindest, so lange er gesund war.

Ansonsten war es still bei uns, vom Zwitschern der Vögel und Muhen der Kühe einmal abgesehen. Manchmal, bei besonderen Windverhältnissen, hörte man von Ferne das leise Dröhnen der Autobahn. Aber das hat nicht gestört, das war einfach nur da. Mein Vater glaubte dann immer zu wissen, wie das Wetter am nächsten Tag wird, und manchmal hatte er damit sogar recht. Mein Vater liebte Wetterprognosen anhand von Bauernregeln: „Abendrot gift Water in’n Sod“ oder „Wenn die Eichen lange Blätter tragen, gibt es einen harten Winter.“ Das war mit Sicherheit auch gereimt, aber das habe ich vergessen.

Wenn ich bei Oma schlief, waren die Geräusche anders: das Flüstern, wenn die Großeltern ins Schlafzimmer gingen und dabei durch das Zimmer mussten, in dem wir schliefen. Das Rauschen, wenn einer von beiden nachts mal musste und den Nachteimer benutzte. Das leise Schnarchen meines Opas und das unglaublich laute von Oma. Man wusste immer, dass sie da sind und was sie gerade machen. Und beim Aufstehen hat Oma gepupst – dann war Tag. Die Tauben haben gegurrt und die Vögel gezwitschert. Frau Meiß rief nach Peter und Nachbars Kampfdackel Rowdy hat hysterisch gekläfft. Zeit zum Aufstehen, Opa kocht Eier.

Die Frau hinter mir hat einen Hüftschaden. Heutzutage kann man das gut richten, früher war das eine größere Sache. Komisch, woran man alles denken muss, nur weil hinter einem jemand hinkt. Wenn gleich auch noch jemand hustet, fühle ich mich hier auf dem Frankfurter Gehweg wie zuhause. Schnarchen wäre auch okay, nur Pupsen muss nicht sein.

Mein Zuhause: Mein Kinderzimmer war hinter dem Fenster unten rechts, mein Jugendzimmer über der Garage.

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