Dantes Traum

Im Rahmen meines Schreibworkshops mit der Autorengruppe „Springender Punkt“ hatten wir in diesem Jahr Lesungen zum Thema Dante. Der große Meister würde nämlich in diesem Jahr 750 Jahre alt und wird entsprechend gefeiert.

Unsere Inspiration sollte die berühmte „Göttliche Komödie“ sein. Leider brachte ich es nicht fertig, das vielseitige, in Versen verfasste Werk zu lesen und scherte deshalb ein wenig aus: Viel interessanter als das Buch erschien mir Dantes Beziehung zu seiner geliebten Beatrice, mit der er nicht zusammenkam, da er schon im Kindesalter mit einem anderen Mädchen verlobt wurde. Ob Dante und Beatrice häufig zusammenkamen, wird bezweifelt, doch genau kann man es nicht wissen. Denn es könnte auch so gewesen sein:

Dantes Traum

Dante hatte wieder einmal schlecht geschlafen. Ihn plagten seit früher Kindheit schlechte Träume, die ihn wachhielten. Daher ging er nach dem Frühstück hinaus in den Garten, um ein wenig frische Luft zu schnappen, bevor sein Lehrer eintreffen würde. Dante lernte gerne, aber nach einer fast durchwachten Nacht stand ihm der Sinn noch nicht so recht nach der Literatur von Vergil oder lateinischer Grammatik.

Die Morgensonne schien mild in den Rosengarten. Es war für Mai ungewöhnlich warm in Florenz und viele der Blumen standen bereits in voller Blüte. Dante verlor sich fast ein wenig in ihrem Duft und hätte das Mädchen, das sich im Schatten eines Rosenbogens auf eine Bank gesetzt hatte, fast übersehen.

„Willst du mir nicht guten Morgen sagen, Durante Alighieri?“ Die helle Stimme Beatrices riss ihn aus seinen Gedanken und er beeilte sich, sie zu begrüßen.

„Oh, guten Morgen, Beatrice. Wie geht es dir?“

Das junge Mädchen lächelte und fächelte sich gespielt geziert mit einem Fächer ein wenig Luft zu. „Danke, sehr gut. Aber was ist mit dir? Hast du keinen Unterricht heute? Und warum siehst du so übernächtigt aus?“

Sie rückte ein wenig zur Seite und er setzte sich neben sie auf das kleine Bänkchen. „Ich habe wenig geschlafen“, räumte er ein, „ich träume manchmal schlecht. Und Unterricht habe ich erst in einer Stunde.“

„Du träumst schlecht?“, fragte sie erstaunt. „Was denn?“

Er sah etwas verlegen aus. „Ach, eigentlich nichts Besonderes. Dummes, kindisches Zeug von Dämonen und Engeln, von Menschen, die das Gesicht hinten tragen, gegeißelt werden und in der Hölle brennen.“

Beatrice sah ihn skeptisch an: „Du träumst von der Hölle? Aber wieso denn das, du bist doch gar kein Sünder, und in die Kirche gehst du auch immer!“

Dante lächelte schmerzlich: “Findest du? Ich bin mir da ja nicht so sicher. Meine Mutter sagte mir früher schon, wenn ich nicht lerne, zu gehorchen, komme ich in die Hölle. Und ich gehorche nicht immer. Diese Träume kommen wieder und wieder, schon seit Jahren.“

„Das ist ja grausig.“ Beatrice nahm für einen Moment Dantes Hand und drückte sie. „Ist es immer gleich, was du träumst?“

Er schüttelte den Kopf. “Nein, leider nicht. Dann könnte man sich ja daran gewöhnen. Aber es ist immer wieder anders, was mit den Menschen geschieht und wie die Dämonen aussehen. Es ist ein bisschen so, als wäre man in einem Labyrinth oder in verschiedenen Höhlen. Je weiter man geht, desto schlimmer wird es. Teilweise sind die Menschen im Boden festgewachsen und werden von höllischen Kreaturen gequält. Und andernorts schwimmen Menschen in Pech oder Kot.“

Beatrice drückte noch mal seine Hand und kicherte ein bisschen. „Das mit dem Pech klingt furchtbar“, sagte sie, „aber das mit dem Kot würde ich dem einen oder der anderen schon mal wünschen.“ Sie dachte dabei ganz speziell an Gemma, die Dante einmal heiraten würde. Sie kannte sie zwar nicht persönlich, fand jedoch ein Kleid aus stinkendem Mist für dieses Mädchen gerade angemessen. Dante lächelte und erwiderte den Händedruck. Er wusste genau, an wen Beatrice dachte. Auch er war nicht glücklich bei dem Gedanken, sein Leben an der Seite einer anderen Frau als Beatrice verbringen zu müssen, aber Vertrag war Vertrag. Und seine Verlobung mit Gemma war schon vereinbart worden, als er gerade einmal fünf Jahre alt gewesen war.

„Du, Dante? Hast du mal darüber nachgedacht, deine scheußlichen Träume aufzuschreiben? Vielleicht verliert es etwas von seinem Schrecken, wenn du die Dämonen beschreibst und sie so besser kennenlernst. Gewiss ist das wie mit dem dicken Metzgershund, vor dem ich mich immer so gefürchtet habe: Seitdem ich ihn kenne, ist er ganz lieb und frisst sogar die Würstchen, die ich ihm hinhalte.“

Dante schüttelte den Kopf. Mädchen kamen schon auf komische Ideen. „Oh nein, lieber nicht. Ich will mich damit eigentlich nicht beschäftigen. Und sobald die Sonne wieder scheint, werden die Dämonen vertrieben.“

Beatrice sah den Fünfzehnjährigen nachdenklich an. Er tat so stark, ihr geliebter Dante, doch als er sich vorhin unbeobachtet glaubte, hatte sie Angst und Sorge in seinen Augen gesehen.

„Aber du könntest doch Tagebuch schreiben, oder Gedichte. Männer, die Gedichte schreiben, finde ich wunderbar!“

Dante schmunzelte. Er schrieb in der Tat Gedichte und auch Tagebuch, aber alles musste er diesem neugierigen Mädchen nicht erzählen. Am Ende wollte sie noch etwas von seinen Werken lesen – das fehlte ihm noch. Er fühlte sich noch immer sehr unvollkommen und wollte keineswegs, dass jemand etwas über seine tiefsten Gedanken erfuhr. Es war für Beatrice schon eine große Auszeichnung, dass er ihr überhaupt von seinen Träumen erzählt hatte.

„Gewiss findet dein Vater für dich einen Mann, der Gedichte schreibt“, wechselte er das Thema. Doch Beatrice gab noch nicht auf:

„Vielleicht kannst du diese Höllenträume ja auch weiter schreiben: Sodass die armen Sünder irgendwann ausreichend gebüßt haben und dann, wenn sie nachweisen können, dass sie geläutert sind, doch aufsteigen in den Himmel. Vielleicht mit einem kurzen Aufenthalt im Fegefeuer, damit man ganz sicher gehen kann, dass sie es verstanden haben.“

Nun musste Dante doch lachen. Sein erster Lehrer, ein Klosterbruder, hatte ihm immer wieder vom Fegefeuer erzählt, in dem die Menschen von den Todsünden gereinigt werden. „Du meinst, wir brennen noch die sieben Todsünden aus ihnen heraus? Geiz, Hochmut, Völlerei, Neid und Zorn?“

„Das waren nur fünf!“, berichtigte ihn das Mädchen. „Da fehlen zwei. Faulheit hast du nicht gesagt. Und was fehlt noch?“

Dante überlegte. Dann fiel es ihm ein, doch war es schicklich, so etwas gegenüber einem jungen Mädchen zu erwähnen? Er sah, dass Beatrice intensiv nachdachte und selbst die Antwort fand: „Jetzt habe ich es, die Wolllust fehlt!“ Zufrieden, aber auch ein wenig kleinlaut sah sie jetzt aus.

„Was ist denn, liebe Beatrice?“

„Ich weiß nicht so recht. Ist nicht jeder von uns schuldig, in irgendeiner Weise? Bis du niemals faul oder neidisch?“ Wieder dachte sie an Gemma, und dann an Dante, und sie fragte sich, ob ihre unkeuschen Gedanken vielleicht sogar den Tatbestand der Wollust erfüllten. So ganz genau wusste sie nicht, was damit gemeint war, hatte aber so eine Ahnung.

Dante zögerte mit seiner Antwort. Faul war er eigentlich nicht, im Gegenteil, seine Lehrer lobten seinen Fleiß. Aber neidisch war er manchmal schon, und wenn er Beatrice ansah, zogen ebenfalls sündige Gedanken durch sein Gehirn. Zornig war er manchmal auch, besonders, wenn er daran dachte, dass sein Glück für eine hohe Mitgift verkauft worden war. Aber sollte er Beatrice das sagen? Es war doch nicht zu ändern.

„Ich bekenne mich der Völlerei schuldig!“, behauptete er deshalb und klopfte sich den Bauch. „Wenn es kandierte Früchte oder Käse gibt, ist mir hinterher immer schlecht, weil ich so viel davon nehme.“

Beatrice legte ganz kurz eine kleine Hand auf seinen flachen Bauch. „Dann pass nur auf, dass du kein Fettwanst wirst. Sonst wird Gemma dich nicht mehr haben wollen!“ Dann wurde sie wieder nachdenklich. „Gut, wir sind alle Sünder. Selbst die Mönche geben sich der Sünde hin, sie sind fast alle dick und rund. Wenn es das Fegefeuer also wirklich gibt, wäre es gut, wenn es nicht allzu lange dauert.“

Dante seufzte theatralisch. „Gewiss dauert es ein paar Hundert Jahre! Aber danach geht es weiter ins Paradies!“

„Und wie ist das?“, wollte Beatrice wissen.

Dante zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Davon habe ich noch nicht geträumt.“

Sie runzelte die Stirn: „Dann solltest du das aber mal tun. Und ich sage dir, was ich mir vom Paradies erwarte: Eine tiefe Weisheit, so dass ich nie mehr unwissend sein muss. Außerdem möchte ich dem Herrn nahe sein, seine Liebe spüren und keine Angst mehr haben müssen.“

Bewundernd sah Dante sie an. Wie klug sie war, und wie einfach und klar sie in wenigen Worten ihre Vorstellung vom Paradies ausdrücken konnte. Ihm hatten eben noch gebratene Tauben vorgeschwebt, kandierte Früchte im Überfluss und Betten so weich wie die Wolken am Himmel. Und nun kam dieses Mädchen daher und zeigte ihm, wie oberflächlich er doch war.

„Du hast Recht, Beatrice. Genau so wird es sein im Paradies. Und gewiss wird man dort von seinen Lieben erwartet, von denen, die vorher diesen schweren Weg gehen mussten.“

Sie schwiegen eine Weile. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Dante genoss diese Zeit, auch wenn sie ihn wieder mit Wehmut erfüllte: Denn nach seiner Erfahrung gab es nur eine einzige Frau, die so lange schweigen konnte, nur ein Mädchen, das nicht dumm und albern war. Und das war Beatrice. Sie würde gewiss nicht in die Hölle kommen, denn neben ihr musste jeder Teufel, jeder Dämon seine Schlechtigkeit verlieren.

„Eigentlich ist es eine Komödie“, hörte er sie sagen und sah fragend in ihr zugewandtes Gesicht.

„Was meinst du?“

„Das, was wir uns hier ausgedacht haben, ist eine Komödie: wilde Dämonen, die Menschen einpflanzen und in Kot baden, nur damit sie irgendwann gereinigt ins Paradies kommen. Stell dir das doch Mal vor: Der dicke Koch verfolgt von Höllenhunden, oder die unfreundliche Hausdame mit der komischen Frisur, kopfüber eingepflanzt. Wenn man darüber nachdenkt, ist das ziemlich komisch.“

„Meine Träume sind nicht komisch!“ Dante klang etwas beleidigt.

„Ja, weil du sie nicht weiter denkst. Du lässt dich erschrecken. Schreibe sie auf, denke darüber nach. Du wirst sehen, das wird eine Komödie. Vielleicht keine ganz Lustige, aber doch so, dass du dich nicht mehr fürchten musst.“

Dante schüttelte den Kopf. Sie hatte vielleicht Ideen, seine Beatrice. Ein Stich durchzog seine Brust, denn Beatrice war nicht die Seine und würde es nie werden. Dann horchte er auf – die Turmuhr schlug.

„Ich muss mich beeilen, ich habe Unterricht!“

Sie gaben sich zum Abschied die Hand. „Bis bald, Durante Alighieri!“

„Hab einen guten Tag, schöne Beatrice!“

Er ging über den Gartenweg zurück zum Haus. Er war ein wenig traurig, wie immer, wenn er Beatrice verlassen musste, und doch lächelte er. Eine Komödie sollte er aus seinen Albträumen machen, so etwas Verrücktes. Auf so eine Idee konnte auch nur eine Frau kommen.

 

4 Kommentare zu “Dantes Traum

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