Landkind

Inspiriert von einer Forendiskussion dachte ich über Tiere nach – und über die nüchterne Haltung, die ich als Kind schon immer ihnen gegenüber hatte. Ich mochte Tiere immer gerne und möchte irgendwann, wenn mal Zeit ist, wieder eines haben. Aber dass Hühner, Kühe und Stallkarnickel Menschenfutter sind, war mir schon früh klar. Denn ich bin ein echtes … Landkind

Bauernmuseum Rastede mit Löschwasserteich. Früher war dies ein Reiterhof, hier habe ich gerne gespielt. Im Teich waren leider nie Fische.

Ich bin ein Landkind: Aufgewachsen bin ich in der norddeutschen Tiefebene, in einem kleinen Dorf, das sich inzwischen zu einer hübschen Kleinstadt gemausert hat, damals aber ein echtes Kaff war. Dort hatten wir unendlich viel Platz zum Spielen, konnten draußen sein und uns bewegen. Und wir hatten Kontakt zu Tieren: Sei es, dass wir den Nachbarssohn auf dem Bauernhof besuchten und mit ihm die Kälber streicheln gingen, über die Kuhweide liefen (und immer mal wieder versuchten, auf so einer armen Kuh zu reiten) oder die eigenen Stallhasen besuchten und streichelten. Als echtem Landkind war mir klar, dass alle Tiere, die keine „echten“ Haustiere waren, zum Nutzvieh gehörten und irgendwann auf dem Teller landen würden. Zu den echten Haustieren gehörten Puck, unser Goldhamster, sowie Starsky und Hutch, unsere Wasserschildkröten. Außerdem die Hunde und Katzen der Nachbarn und vielleicht noch Hanni, das Pony. Bei Letzterem bin ich mir allerdings nicht so sicher, Rossbratwürste sind ja recht beliebt.

Folglich hatte ich keinerlei Problem damit, unseren Stallhasen beim Aufwachsen zuzusehen, sie regelmäßig mit Löwenzahn zu verwöhnen und wenige Monate später meinem Vater dabei zuzusehen, wie er meine kuscheligen Spielgefährten in küchenfertige Sonntagsbraten verwandelte. Das gehörte genau so dazu wie die Hähnchen, die bei meiner Oma in einem alten Wohnwagen wohnten und irgendwann von Onkel Hans geschlachtet wurden. Dabei sahen meine Cousine und ich gerne zu. Wir freuten uns, wenn so ein enthaupteter Hahn meinem Onkel auskam und reflexartig noch ein Weilchen durch die Gegend rannte. Und wir halfen beim Rupfen. Dabei war ich, ehrlich gesagt, nicht besonders talentiert, aber es machte mir Spaß. Trotzdem war ich in der Pubertät mal eine Weile Vegetarierin, um die Tiere und die Welt im Allgemeinen zu retten. Anscheinend war ich zumindest mit Letzterem erfolgreich, schließlich steht sie noch, auch wenn ich schon lange wieder Fleisch esse.

Auch über die Fortpflanzungsprozesse in der Tierwelt waren wir recht früh informiert: Regelmäßig brachte Papa unsere Kaninchendame zum Kaninchenbock des Nachbarn. Die beiden spielten ein Weilchen miteinander und dann gab es Kaninchenbabys, der Zusammenhang war mir schnell klar. Umso erstaunter war ich, als ich mit Anfang 20 in einer großen Firma in Oldenburg arbeitete und mich mit einer Kollegin unterhielt – einer aus der Stadt. Die klagte darüber, dass ihre Hühner, die sie sich als Hobby angeschafft hatte, brüten und brüten würden, ohne dass Küken aus den Eiern kämen. Meine Idee, dass der Hahn nichts taugen könne, wies sie zurück, denn sie hatte gar keinen Hahn. Krähende Hähne waren in ihrer Wohnsiedlung nicht erlaubt, folglich konnte es daran nicht liegen. Ich war verdattert von dieser Argumentation und tatsächlich einmal sprachlos.

Das Aufwachsen auf dem Land hat mir auch in so manch anderer Hinsicht einen tiefen Realismus eingebracht. So kauften meine Eltern niemals die Bio-Eier, die ein Bauer gleich um die Ecke anbot. Uns war nämlich klar, dass der aus seinen paar Hühnern, die dekorativ pickend auf seinem Hof herumschlenderten, nie im Leben diese Masse an Eiern herauswürgen konnte, die er jeden Tag verkaufte. Auch heute noch gehe ich davon aus, dass in Deutschland weit mehr Bio-Eier verkauft werden, als es Bio-Hühner gibt. Trotzdem kaufe ich Bio-Eier – dann habe ich es wenigstens versucht und bleibe meinem Motto „Ich rette die Welt“ weiterhin treu.

Inzwischen lebe ich in der Großstadt und komme nur noch selten mit Nutztieren in Kontakt. Vor einigen Jahren besuchte mich mein Neffe, der damals etwa sieben war. Wir liefen durch die Frankfurter Zeil, wo gerade eine Art landwirtschaftlicher Ausstellung stattfand: In einigen Gehegen standen Kühe, Schafe und Ziegen, die von den Passanten angefasst werden durften. Der Kommentar meines Neffen war so trocken wie treffend: „Die sind hier vielleicht komisch – die stellen ihre Kühe mitten in die Stadt!“

Und er hat recht: Mit Blick auf Tiere sind die Leute hier komisch. Wie bereits berichtet, nahm meine ganze Bürogemeinschaft lebhaften Anteil am Wohl der Hühner einer Kollegin, insbesondere an dem des menschenliebenden Hahns Mehmet (Meikesbuntewelt berichtete!). Als Mehmet vor einer Weile an einer mysteriösen Krankheit verblich – vielleicht hatte er beim Fernsehen zu viele Chips genascht – lief eine Welle der Trauer durch unser Büro. Da machte die Nachricht, dass Mehmets Damen das typische Schicksal der Nutztiere ereilt hatte und sie unter des Metzgers Fallbeil gelandet waren, auch nichts mehr aus. Viel wichtiger war, dass die Kollegin neue Küken angeschafft hat – denn Küken sind immer sooo niedlich!

4 Kommentare zu “Landkind

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