Das Marmeladenorakel

Morgen ist Muttertag. Die exessive Werbung für Pralinen, Parfum und Blumen hat auch mich dazu gebracht, noch einmal öfter an meine Mutter zu denken – und daran, wie gut sie mich doch kannte. Denn meine Mutter wusste immer, ob es mir gut geht oder nicht.

Jahrelang war es mir ein Rätsel, woher meine Mutter es wusste, wenn ich nicht gesund war. Manchmal wusste sie es schon vor mir, wenn etwas im Busch war. Wenn ich dann vor der Zeit nach Hause kam, etwa weil ein Magen-Darm-Virus oder eine Grippe mich erwischt hatte, war sie nicht überrascht. Manchmal war sogar der Tee schon fertig, wenn ich etwas grün im Gesicht um die Ecke bog. Als Schülerin habe ich mir darüber nicht groß Gedanken gemacht, schließlich ist es die Aufgabe von Müttern, ihr Kinder genau zu beobachten. Später aber habe ich mich über diese Beobachtungsgabe gewundert und sie gefragt, woher sie es wusste, wenn ich krank werde. Erst vor ein paar Jahren hat sie mir ihre Methode verraten: Es war das Frühstück.

Abgesehen von ein paar Jahren als Kind, in denen ich ein großer Nutella-Fan war, habe ich schon immer gerne herzhaft gefrühstückt. Wurst und Käse, Eier, gerne auch Fisch- oder Frikadellenbrötchen. Das „Full-Irish-Breakfast“ mit Eiern, Würsten, Pilzen und Grilltomaten ist genau mein Ding (zumindest, solange ich nicht über Cholesterin, Herzinfarkt und Schlaganfall nachdenke). Nutella gibt es noch manchmal, auf dem letzten Brötchendeckel, Marmelade hingegen überaltert bei mir regelmäßig im Schrank. Zumindest, solange ich gesund bin.

Sowas wäre auch lecker: „Gemüse-Kartoffel-Pfännchen mit Spiegeleiern“

Wenn ich hingegen morgens mal aufwache und mich nicht für etwas Herzhaftes zum Frühstück entscheiden kann, bin oder werde ich krank. Nur dann ist Marmelade für mich interessant. Meine Mutter wusste das, lange bevor es mir aufgefallen ist. Jahrelang frühstückte ich sehr früh und ging aus dem Haus, bevor meine Eltern aufstanden. Klebte Marmelade an meinem Frühstücksmesser, wusste sie, auch ohne mich gesehen zu haben, was los ist.

Inzwischen kenne ich natürlich diese Frühstückstheorie, beobachte mich scharf und verifiziere die Treffsicherheit des Marmeladenorakels immer wieder. Sie liegt bei mindestens 95%, es stimmt: Wenn ich nicht gesund bin, werde ich zum Süßfrühstücker. Früher war das für mich mal ein Schimpfwort, inzwischen habe ich Mitleid mit diesen armen, kränkelnden Kreaturen. Es nützt übrigens auch nichts, sich noch eine Frikadelle hineinzuzwängen, wenn man sich beim Marmeladenessen erwischt – krank wird man trotzdem.

Und auch wenn man die Selbstbeobachtung beim Frühstücken vergisst, passt es: Vor einer Weile wollte ich mir in unserer Kantine ein Brötchen holen. Zu meiner großen Freude entdeckte ich Rosinenbrötchen – sowas hatte ich ja ewig nicht. Ich kaufte eines und war damit sehr zufrieden. Abends war ich dann derartig erkältet, dass ich kaum noch aus meinen kleinen Augen über meine dicke Nase gucken konnte. Zu meiner Überraschung erfuhr ich später, dass es in unserer Kantine eigentlich immer Rosinenbrötchen gibt – jeden Tag. Die sind mir nur sonst nicht aufgefallen.

Heute habe ich sehr ausgiebig gefrühstückt. Das ist für mich das Schönste am Wochenende: Früh aufstehen und mit ganz viel Zeit frühstücken. Kaffee und Saft, frische Brötchen (gerne auch Aufbackbrötchen noch warm aus dem Ofen), Wurst und Käse und vielleicht ein Ei oder Joghurt. Meine Wurst hätte heute ein wenig mehr Salz vertragen können, aber ansonsten war alles voll nach meinem Geschmack. Ich bin gesund.

4 Kommentare zu “Das Marmeladenorakel

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