Die Farbe Grau

Eine kleine Übung aus dem Donnerstags-Schreibkurs ließ mich über Mäuse und Elefanten nachdenken. Gegeben war ein Zitat: „Nicht, dass sie nicht begabt wären, aber man merkt es nicht.“ Tscha, was macht man daraus? Bei mir wurde es

Die Farbe Grau

Menschen, die Heike nur wenig kannten, hielten sie für eine graue Maus. Sie war nicht hässlich, aber auch nicht hübsch. Normal, das Wort beschrieb ihr Äußeres wohl am Besten. Ein normales Gesicht mit unauffälliger Frisur, eine unaufgeregte, dezente Art, sich zu kleiden. Trug sie einmal Schmuck, was selten genug vorkam, passte er so perfekt zu ihrer Gesamterscheinung, dass man ihn nicht bemerkte. Heike wollte nicht auffallen, und sie fiel auch nicht auf. Damit fühlte sie sich wohl.

„Sie müssen sich mehr hervortun, Heike“, sagte ihr Chef und meinte das überaus wohlwollend. „Sie arbeiten hervorragend und können vieles besser als andere. Machen Sie doch auf sich aufmerksam, stehen sie zu ihren Leistungen.“ Heike lächelte still und nahm sich vor, den Rat des Mannes nicht zu befolgen. Denn sie wusste, wie es denen erging, die sich zu sehr der Sonne entgegen reckten: Sie verbrannten, wurden welk und müde, noch bevor sie die Lebensmitte erreicht hatten. Das fand sie ineffizient.

Menschen, die Heike gut kannten, nannten sie „die graue Eminenz“. Sie wussten, was Heike tat: Auf eine leise, unauffällige Art brachte sie die Dinge in die gewünschte Richtung, kam voran, ohne dass die anderen es merkten. Sie war niemandes Feind, dafür war sie viel zu unwichtig. Sie machte sich unersetzlich, wusste über alles Bescheid, war eine Koryphäe in ihrem Job. Wer ihr genehm war, den versorgte sie mit hochwertigen Informationen und ließ ihn nebenbei für sich arbeiten. Und wen sie nicht mochte, den führte sie leise lächelnd auf‘s Glatteis und sah aus sicherer Entfernung bei seinem Sturz zu. Niemand vermutete auch nur einen schlechten Gedanken in ihr und kaum jemand sah in ihr den zielstrebigen Machtmenschen.

Als Heike die Geschäftsleitung des Konzerns, in dem sie seit 20 Jahren arbeitete, übernahm, gab es keinen Kollegen, der ihr diesen Posten nicht gegönnt hätte. Das war auch nicht möglich, denn all die Neider, die Missgünstlinge, Opportunisten und Karrieristen hatte sie mit dem sicheren Instinkt einer geborenen Anführerin längst identifiziert und mit ihren unauffälligen Pumps in den Staub getreten. Eine ihrer ersten Handlungen in ihrer neuen Position war die Neuausstattung des Geschäftsleitungsbüros: Sie ließ es silbergrau streichen und hängte ein neues Bild auf. Es zeigte eine Elefantenherde in der Savanne. Allen voran lief eine stolze, graue Elefantenkuh.

Elefanten in Namibia, Katharina Wieland Müller

Elefantenherde, zur Verfügung gestellt von Katharina Wieland Müller / pixelio.de

3 Kommentare zu “Die Farbe Grau

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