Aus dem Poesiealbum – unter Tränen Psalmen singen

Als kleines Kind schon, lange, bevor ich selber ein Poesiealbum hatte, sah ich mir immer wieder das Album meiner Mutter an. Diese Seite war damals meine Lieblingsseite: Nicht wegen dem Spruch, denn den konnte ich damals noch gar nicht lesen. Aber ich mochte das Bild und fand, dass das Mädchen das ganz toll gemalt hatte.

Lied Theodor Zöckler

Später, als ich in der Lage war, den Spruch zu lesen und zu verstehen, habe ich mich vor dieser Seite eher gegraust. „Unter Tränen Psalmen singen“, na, da fiele mir selbst doch etwas anderes ein, und dieses „selber blutend Wunden lindern“, klang für mich reichlich martialisch. Irgendwie erinnerte mich das alles an das Opfertum der heiligen Johanna, und mit der hatte ich noch nie so recht etwas anfangen können. Und ich fragte mich, ob man kein Gotteskind sein könne, ohne zu bluten und zu weinen.

Inzwischen habe ich den Text einmal nachgeschlagen – Tante Google macht’s möglich – und weiß etwas mehr darüber: Es ist die erste Strophe eines Liedes aus dem Jahr 1918, geschrieben von einem evangelischen Pfarrer namens Theodor Zöckler (1867 – 1949), der wohl sowohl missionarisch tätig war als auch in Galizien u. a. ein Waisenhaus, Schulen und einen Ausbildungsbetrieb für Jugendliche gründete (die „Zöckler‘schen Anstalten“). Diese Einrichtungen mussten unter den schwierigen Bedingungen betrieben werden, die die Zeiten mit sich brachten: Der politische Status Galiziens war seit vielen Jahren unsicher und instabil, die ehemals polnisch-ukrainische Gegend war lange Zeit österreichisches „Kronland“ gewesen, seit 1867 jedoch größtenteils wieder unabhängig. Das Gebiet war bevölkert von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur. Die Zeit um und während der Weltkriege brachten einen ständigen politischen Wechsel mit sich: Mal wurde Zöckler gefördert und hofiert, dann wieder inhaftiert. Die wirtschaftliche Lage der Anstalten war ebenfalls teilweise prekär. Dadurch mag sich Zöcklers Hang zu dramatischen Liedtexten erklären.

Die Schulfreundin meiner Mutter schieb diesen Text mit etwa 13 Jahren in das Album. Ich frage mich, ob sie um seinen Hintergrund wusste oder ob sie, evtl. stark religiös erzogen, einen ähnlichen Zusammenhang zu Jeanne d’Arc herstellte wie ich und das Ganze nach Art eines jungen Mädchens arg verklärt sah. Vielleicht aber hatte sie auch einfach den Wunsch, einmal Krankenschwester zu werden. Soweit ich weiß, war das damals einer der beliebtesten Berufe für Mädchen. Und vielleicht hatte sie die opferbereite Florence Nightingale als Vorbild für sich entdeckt. Da hätte sie sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können.

2 Kommentare zu “Aus dem Poesiealbum – unter Tränen Psalmen singen

  1. Ein wahrlich seltsamer Spruch. Die Strophe muss wohl in Verbindung mit der Zeit gesehen werden, in der das Lied entstanden ist, auch die spezielle Situation. Sehr bedrückend. Steht in krassem Widerspruch zur stets gepredigten „Fröhlichkeit“ in der wir im Glauben leben können. Ohne deine Erklärungen wäre bei mir ein völlig falscher Eindruck entstanden.

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    • Ja, so habe ich das auch empfunden. Ich war fast erleichtert, im Netz noch einige Informationen über den Dichter des Liedes zu finden. Seltsam finde ich nach wie vor, dass so ein junges Mädchen einen solchen Spruch verwendet statt dem üblichen „Rosen, Tulpen, Nelken …“

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