Lehrer sind auch Menschen

Einschulung

Einschulung 1976: vor unserem Haus, im Lieblingskleid und mit Schultüte. Leider sind die 70er-Jahre-Fotos alle so eigenartig in der Farbe geworden.

Eine Bemerkung vorab: Jeder, der unter diesem Titel ein Lehrer-Bashing erwartet, ist hier falsch. Ich will auch nicht auf irgendwelche Unzulänglichkeiten eingehen, und es ist nicht so, dass in dem Titel ein „nur“ fehlt. Nein, es ist einfach so, dass ich im Alter von 45 Jahren bereit bin zuzugeben, dass Lehrer Menschen sind – nichts mehr und nichts weniger.

Als Schülerin habe ich nie darüber nachgedacht, dass Lehrer „richtige“ Menschen sind, die es auch außerhalb der Schule gibt und die so etwas wie ein Privatleben haben könnten. Lehrer waren für mich eine Art notwendiges Übel, Werkzeuge, die mir mehr oder weniger nützlich waren. Manch einer war ein Multi-Dremel, andere hingegen lediglich altersschwache Schraubendreher.

Inzwischen weiß ich, dass in jedem Lehrer ein Mensch steckt, der mit sich selbst zurechtkommen muss, eigene Vorlieben und Abneigungen hat (die sich ganz gewiss oft auch auf Schüler beziehen) und eigene Unsicherheiten überwinden muss. Früher war mir das unverständlich: Fragte man Frau J. auf der Klassenfahrt, wo denn in der Jugendherberge das Klo sei, wusste die das nicht – weil sie ja selber fremd war und sich erst orientieren musste. Und Frau U. machte ein Mordstrara damit, dass sie während der Klassenfahrt jeden Abend bei ihrer Tochter anrufen müsse, die damals etwa drei Jahre alt war. Ich fand das albern und dachte, dass der Tochter das wahrscheinlich total egal ist. Dass es Frau U. nicht egal sein könnte, fiel mir nicht ein.

Mir war damals auch nicht klar, dass auch Lehrer gute und schlechte Tage haben können. Oder gute und schlechte Phasen. Ich hatte eine Lehrerin, die ich unmöglich fand – sie war eine dumme Kuh, um es genau zu sagen. Inzwischen weiß ich, dass sie sich damals gerade scheiden ließ und deshalb wahrscheinlich in etwas schlechterer Grundstimmung war. Natürlich sollte sie so etwas zuhause lassen und nicht an ihren Schülern auslassen, aber wer von uns kann das schon? Die Dame unterrichtet übrigens immer noch, was mich wundert, schließlich war sie damals schon alt.

Eine erste Ahnung kam mir ja, als ich eine unserer Lehrerinnen des Öfteren in einer Kneipe traf: mit Freunden. Die hatten Spaß zusammen und tranken Bier. Einige Zeit später war diese Lehrerin schwanger, die hatte also nicht nur Spaß, sondern auch Sex gehabt. Gut, in der Grundschule waren die Lehrerinnen auch dauernd schwanger gewesen, aber damals hatte ich darüber noch nicht so nachgedacht. Und als wir nach drei Klassenlehrerinnen Mitte der dritten Klasse schon wieder eine neue bekamen, fragten meine Eltern neugierig nach, wie alt diese denn sei. Meine Antwort war zwar schwammig, aber doch gnadenlos im Urteil: „Och, aus den besten Jahren ist die raus!“ Inzwischen denke ich, Frau A. wird etwa Mitte 40 gewesen sein.

Einige Lehrer luden uns in der Oberstufe auch mal zu sich nach Hause ein, zum „Kurstreffen“. Da sah man, wie die wohnen – spannend. Und teilweise erheiternd. Bei einer Lehrerin sah die Bude aus wie aus dem Magazin „perfekt wohnen im Landhausstil“. Nur der sonderbare Kerl in den ausgebeulten Cordhosen, der da herumhing und sich „Lebensgefährte“ nannte, passte überhaupt nicht ins Bild. Ein anderer Lehrer, den man für recht locker gehalten hatte, mahnte seine Gäste der Sage nach immer wieder, bloß schonend mit seinen Sachen umzugehen: „CDs sind teuer!“ Nicht die feine Art, wenn man es genau nimmt.

Einige Jahre nach der Schule ging mir ein weiterer Kronleuchter auf, als ich einen ehemaligen Schulkameraden traf: Der erzählte mir, dass er gerade sein Referendariat an einem Gymnasium mache und dass er am Wochenende Schüler in einer Disco getroffen habe. Die hätten sich gewundert: „Also Herr B., dass Sie hier auch noch herkommen …“ Herr B. war damals 25 und eigentlich noch nicht reif für den Tanztee. Er räumte aber ein, dass diese Disco für ihn ganz spontan ihren Reiz verloren habe. Und ich dachte, dass ich wohl früher ganz genau so reagiert hätte, wenn ich einen meiner Lehrer in meiner bevorzugten Disco getroffen hätte. Denn Lehrer waren per se alt und staubig. Ich verstand, dass das wohl auf den Blickwinkel und das eigene Alter ankommt.

Inzwischen habe ich selber einige Freunde, die Lehrer geworden sind und diesen Beruf auch mit Feuereifer ausüben. Das sind tatsächlich noch immer recht normale Menschen. Es gibt sie außerhalb der Schule und in den Ferien, sie haben ein Privatleben und vielleicht sogar Sex. Wer hätte das gedacht?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s