Tanzkurs im Jahr 1985

Es gibt Dinge, an die erinnert man sich mit Grausen: die Blinddarmentzündung zu Beginn der Sommerferien, die Rundfahrt auf der Ostsee, bei der ich so spucken musste, oder Birnen mit Bohnen und Speck. Zu den Erlebnissen, die mir heute noch ein ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen, gehört auch der Tanzkurs, den ich irgendwann so mit 14 oder 15 absolvieren musste. Denn das, was eigentlich Spaß machen sollte, war der absolute Horror: gut gemeint, aber schlecht gemacht.

Tanzkurs im Jahr 1985

Tanzpaar, Tänzer

„Tanz mit mir“, zur Verfügung gestellt von Thomas Max Müller auf http://www.pixelio.de

Ich komme aus einem kleinen, verschlafenen Ort in Norddeutschland. Dort gab es in den 80er Jahren nicht viel, doch wir hatten die größte Schule der Umgebung, einen wirklich guten Sportverein und Norddeutschlands größte Freiluftarena. Und es gab den „Hof von Oldenburg“, ein Hotel mit Restauration, das den Saal regelmäßig Oldenburger Tanzschulen zur Verfügung stellte. Aus irgendeinem Grund war es nämlich Tradition, dass die ungelenke Dorfjugend im Jahr nach der Konfirmation einen Tanzkurs besuchte. Das machten fast alle, und was ein Ausscheren aus diesem Irrsinn noch schwieriger machte war die Tatsache, dass meine Eltern das Gehoppel befürworteten und meine große Schwester schon mit viel Enthusiasmus ebenfalls einen solchen Kurs absolviert hatte. Ich wurde also nicht groß gefragt und fand mich an einem Herbsttag im ungeheizten Tanzsaal des Dorfhotels wieder.

Die dort angetretenen Jugendlichen gehörten zu den noch recht geburtenstarken Jahrgängen 1969/70, der Kurs war also sehr groß. Ein besonderes Phänomen bei uns war, dass wir viel mehr Mädchen als Jungs hatten. Das zog sich durch die gesamte Schulzeit und im Tanzkurs drückte sich das ganz besonders drastisch in einem Verhältnis von zwei Mädchen auf einen Jungen aus. Wir Mädchen waren also von vorneherein unter Druck: Schließlich drohte am Ende des Kurses der Abtanzball, und für den brauchte man einen Partner. Am besten auch noch einen, der nicht anderthalb Köpfe kleiner war als man selber.

Ja, die Größe – auch das war so eine Sache. Es war mir nie einsichtig, warum man den Hoppelkurs unbedingt zu diesem Zeitpunkt machen musste: Mitten in der Pubertät, wo bei vielen das Selbstbewusstsein am Boden liegt, die jungen Mädchen ausgewachsen und schon recht fraulich, die Jungs aber noch kleine, kindliche Wichte sind. Die meisten Paare sahen mehr als seltsam aus und viele der armen Jungen, die das Führen übernehmen sollten, konnten ihren Partnerinnen kaum über die Schulter gucken. Folglich glichen Wiener Walzer und Foxtrott oft eher einem Ringkampf als einem Tanz, wenn die Mädchen die Lage überblicken konnten und die Führung übernehmen, die Jungs sich das aber nicht bieten lassen wollten.

Unser Tanzlehrer war der Senior-Chef einer Tanzschule aus Oldenburg. Um genau zu sein, was er sehr senior, soll heißen, er war mindestens 80. Zumindest kam er mir so vor. Da ich damals sehr jung war, mag ich mich da täuschen, aber sehr viel liege ich wahrscheinlich nicht daneben. Er bemühte sich immer nach Kräften, uns höfliches Benehmen beizubringen, nannte uns Mädels „Damen“ und die kleinen Jungs „Herren“. Und immer wieder enttäuschten wir ihn. Ich habe noch heute im Kopf, wie er uns aufteilte in Jungs und Mädchen und genau erklärte, wie der Herr eine Dame zum Tanzen aufzufordern hätte: „Darf ich bitten …“, sollten sie sagen und uns höflich die Hand reichen. Wir sollten nett lächeln, auf keinen Fall ablehnen, zustimmend nicken und mit unserem Galan an der Hand die Arena beschreiten. Als er dann das erste Mal sagte: „Und die Herren fordern dann jetzt ihre Dame…“ kam er gar nicht bis zum Ende, denn die jungen Wilden stürmten mit Urgeschrei los , rannten durch den Saal, schnappten sich jeweils ein Mädchen und zerrten es unter aufgeregtem Geschnatter in die Mitte des Saales. Dort standen sie dann … und an der Wand standen die vielen übrig gebliebenen Mädchen und fühlten sich schäbig. Und der greise Tanzlehrer raufte sein schütteres Haar.

Es wurde dann so gemacht, dass die Mädchen in zwei Gruppen geteilt wurden und nur jeden zweiten Tanz auf einen Partner warten durften. Das ging so lange recht gut, bis es um die Paarbildung für den Abtanzball ging – denn jedes Mädchen wollte einen Partner und die armen Jungs, die in den Unterrichtsstunden regelmäßig mit zwei Partnerinnen getanzt hatten, konnten sich nicht zerreißen. Sie mussten sich für eine entscheiden, mit der sie gemeinsam den Ballsaal betreten wollten, und konnten es im Grunde gar nicht richtig machen. Viele Tränen flossen und auch die Mädchen, die einen der knappen Tanzpartner ergattert hatten, fühlten sich irgendwie schlecht. Zumindest ging es mir so, als eine giftige 15jährige meinen armen Tanzpartner anpflaumte, weil jener ihre beste Freundin hatte sitzen lassen: „Kerstin hat fest damit gerechnet, dass du ihr holst!“, schimpfte die Landschönheit, die im wahren Leben wahrscheinlich Plattdeutsch sprach (zumindest ließ ihre Grammatik darauf schließen). Die arme Kerstin tat mir leid, aber soweit, dass ich meinen Tänzer wieder hergegeben hätte, ging meine Selbstlosigkeit dann doch nicht.

Der Abtanzball war dann das Finale der Grauslichkeiten: Aufgerüscht und durchgeföhnt staksten wir herum, die Jungs im Konfirmationsanzug, die Mädchen in teilweise abenteuerlichen Kombinationen aus Konfirmationsrock, Glitzerbluse und Omas Häkelstola. Mir hatte meine Mutter zum Glück zu etwas Schlichtem geraten, das man auftragen konnte – immerhin etwas. So richtig betrinken durften wir uns noch nicht und auch sonst hatte der Abend nicht viel Erquickliches zu bieten. Gewiss guckten unsere Eltern gerührt oder auch peinlich berührt, als wir herumhopsten, und ich erinnere mich daran, dass ich im Anschluss so manche Runde mit meinem Vater drehen musste. Fotos wurden keine gemacht, was wahrscheinlich besser war. Heute hätte ich natürlich gerne eines, zur Illustration dieses Beitrages. Aber nun ja … man kann nicht alles haben. Ich habe den Irrsinn überlebt und bin dankbar dafür.

3 Kommentare zu “Tanzkurs im Jahr 1985

  1. In der Stadt wurde das Problem der fehlenden Herren immer mit Gastherren gelöst. So mancher Junge hat jahrelang in der Tanzschule ausgeholfen, war ein begehrter Tanzpartner, da er die Schritte beherrschte, und fühlte sich als Hahn im Korb hervorragend.
    Wahrscheinlich werden die Kinder so früh hingeschickt, damit sie sich überhaupt noch überreden lassen. Wenn sie älter sind, wird es noch schwieriger …

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  2. Du scheinst in meinem Kurs gewesen zu sein 🙂 ……………. – auch wenn ich in Wirklichkeit erst etliche Jahre später in Oldenburg wohnte.
    Bei uns war es genauso, kalter Saal mit wenig männlichen Interessenten und die, die Interesse hatten, sahen nicht im Entferntesten unserem Traumprinzen ähnlich. Und ja – der Abschlussball – auch hier entweder im langen Konfirmationsrock und neuer Bluse oder im eigens dafür bei C&A angeschafften 1. Abendkleid (übrigens auch mein letztes 🙂 ). Mein Tanzpartner – hmpf – Zahnarztsohn mit einem derartigen Knoblauchatem, dass ich fast verzweifelte. Er war Ersatz für meinen eigentlichen Tanzpartner, der just an diesem Morgen mit Windpocken aufgewacht war. Der Abend war grauenvoll, den Saal habe ich nie wieder betreten.

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