Schön ausgedrückt im Poesiealbum – töricht

Zum ersten Mal habe ich einen Beitrag, den ich nicht eindeutig zuordnen kann: Eigentlich sollte er für die Kategorie „schön ausgedrückt“ geschrieben werden, doch dann drängelte sich „aus dem Poesiealbum“ hinzu und verlangte Beachtung. Nun, Meikes bunte Welt ist zwar in Kategorien unterteilt, aber das ist nicht dogmatisch zu sehen. Folglich ordnen wir diesen schönen Ausdruck einfach beiden Kategorien zu:

Töricht

Einer meiner Lieblingskollegen verwendet gerne das etwas altertümlich klingende Wort „töricht“. Ich muss dann immer ein wenig lächeln, denn dieses Wort kenne ich ansonsten nur aus Kreuzworträtseln und von meinem Opa Fidi – und der war Jahrgang 1904, also eine ganz andere Generation als Daniel.

Die Bedeutung ist natürlich schnell zu klären: Der gelbe Duden erläutert, „töricht“ sei abwertend, werde nicht mehr häufig gebraucht und bedeute so viel wie unklug, unsinnig, dümmlich oder lächerlich. Also wahrlich nichts Gutes. Auch der Begriff „eselhaft“ taucht auf – sowas Ähnliches hatten wir hier schon.

Als Nomen schlägt uns der Duden „Tor“ vor, also den, nicht das. Da fällt mir spontan Goethes Faust mit seiner sonderbaren Grammatik ein: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Soll heißen, er hat studiert und gemacht und getan und doch nicht das gelernt, was er gebrauchen könnte. Das ist wohl auch nichts Gutes.

Es rettet die Situation mal wieder das gute alte Poesiealbum: „Wer in der Jugend nicht töricht war, wird im Alter nicht weise sein.“ Das schrieb mir 1982 mein Onkel Heino ins Poesiealbum. Ich fand den Spruch, der anscheinend aus Island kommt, damals schon tröstlich, kam ich mir doch als Kind so oft so unwissend und töricht vor. Dieser Spruch sagte mir jedoch, dass es auch für jemanden wie mich Hoffnung gäbe, und das fand ich gut.

Denkt man die Idee ein bisschen weiter, bedeutet das, dass nur derjenige, der in seiner Jugend dümmlich und lächerlich war und unsinnige Dinge getan hat, überhaupt die Chance auf Weisheit hat. Das heißt, die Jugendlichen, die etwas anstellen, so blöd es auch sein mag, haben bessere Aussichten als die, die immer vernünftig sind. Dinge auszuprobieren, allein und ungestützt von Erwachsenen, hat etwas mit Mut und Erfindungsreichtum zu tun. Und auch aus Misserfolgen lernt man. Mit dieser Interpretation des Wortes „töricht“ als notwendiger Stufe zur Erreichung von Weisheit bin ich sehr einverstanden.

Und mit einem Lächeln denke ich an die Zugfahrt von Zinnowitz nach Bansin an einem Schultag im März: Es war Schulschluss und jede Menge junge Leute fuhren mit der Bahn nach Hause. Besonders eine Mädchenclique fiel mir auf, denn die vier Mädels wirkten besonders töricht. Zum einen sahen sie zum Schießen aus – fand ich, die ich von der heutigen Schülermode keine Ahnung habe. Die Mädels sehen das jetzt sicher anders, werden aber wahrscheinlich in zehn Jahren laut anfangen zu kreischen, wenn sie Fotos von sich im Jahr 2015 sehen (genauso geht es mir, wenn ich Fotos von mir aus den 80er Jahren sehe). Zum anderen waren die Vier unglaublich laut, lachten, gackerten und unterhielten sich über die merkwürdigsten Themen. Mir gegenüber saß eine alte Dame, die die ganze Zeit schimpfte: „Und sowat will ma Deutschland regier’n.“ Das fand ich zwar etwas weit hergeholt, denn einen Regierungsanspruch verströmte keines der vier Mädchen. Andererseits wirkten die an diesem Nachmittag dermaßen töricht, dass ich denke, dass das Land in einigen bei denen recht gut aufgehoben sein könnte.

2 Kommentare zu “Schön ausgedrückt im Poesiealbum – töricht

  1. Irgendwann sollte ein Mensch im Leben töricht sein (dürfen). Ich war in der Jugend überwiegend artig. Jetzt nehme ich mir im Alter das Recht heraus, ab und an mal töricht zu sein. Im Sinne von „unvernünftig“. Weise sein, das möchte ich nicht!

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