Beinahe Pasewalk

Ich fahre ja wirklich gerne Zug. Zum einen, weil ich gerne unterwegs bin und kein Auto habe. Zum anderen, weil ich es meistens entspannend finde und es im Zug immer allerhand zu gucken gibt. So war es auch heute, auf der Reise von Usedom zurück nach Frankfurt. Das ist im Grunde eine einfache Sache: Man steigt in Usedom in den Zug, fährt mit der Usedomer Bäderbahn nach Züssow, wo wenige Minuten später eine Bimmelbahn (Entschuldigung, ein Regionalexpress, wollte ich natürlich sagen) nach Berlin fährt, hat in Berlin jede Menge Aufenthalt und kann bummeln gehen und fährt irgendwann weiter nach Frankfurt. Soweit die Theorie. Einigen Leuten fallen aber diese einfachen Dinge schon schwer. Mir, zum Beispiel.

Ostsee bei Bansin, Usedom

Blick aus meinem Bansiner Hotelfenster – schön war’s!

Im Grunde ging es in Bansin schon los: Mein vollgepackter Koffer war mal wieder viel zu groß und zu sperrig für die Usedomer Bäderbahn, die leider nicht auf Reisende mit Gepäck eingerichtet ist. Blöd für eine Bäderbahn, aber nicht zu ändern. Ich rammte meinen Koffer also zwischen einige Fahrräder, setzte mich nieder und schlief ein bisschen. Als ich wieder zu mir kam, hatte jemand ein Fahrrad an die Stelle gestellt, wo zuvor mein Köfferchen gestanden hatte, und diesen wahrscheinlich ordentlich woanders platziert. Von dort hatte das vier-Rollen-Model (sowas kaufe ich übrigens nie wieder) sich selbstständig gemacht, rollerte durch die Gegend und dotzte freundlich meine Mitreisenden an. Ich entschuldigte mich brav, fing das Ding ein, kämpfte ein wenig damit und stellte es im Endeffekt einfach irgendwo ab, weil mir nichts Besseres einfiel. Dann schlummerte ich weiter. Irgendwann wurde ich wach, weil die Bahn stand. Wo waren die denn alle hin? „… fährt nach kurzem Aufenthalt weiter nach Greifswald“, hörte ich und begriff: Wir waren in Züssow, mein Koffer stand schon fast am Ausgang (wohl, weil sich alle daran vorbeidrängeln mussten) und ich war im Begriff, nach Greifswald zu reisen. Oh Himmel, nun aber flott! Mit viel Gepolter und Geschrei sprang ich aus dem Zug, den Koffer hinter mir her schleifend, die Jacke wie eine Fahne über den Rücken baumelnd. Puh, geschafft – das war knapp.

Der nächste Zug war, wenn das möglich ist, noch schlechter in Sachen Gepäckaufbewahrung. Ich verkeilte mich gleich nach dem Einsteigen mit meinen Gepäckstücken und verursachte einen Stau, den ich nur lösen konnte, indem ein netter Mann beim Koffer zugriff und ihn halb zwischen zwei Sitze frampte. Die andere Hälfte ragte in den Gang, aber das kannten wir ja jetzt schon. Und ich kannte sogar den netten Mann: Das war einer von denen, die in der Bäderbahn schon Kontakt zu meinem Köfferchen gehabt hatten. Gut, dass der nicht nachtragend war. Er wagte es sogar, sich mir schräg gegenüberzusetzen. Und das war gut so.

Ich entspannte mich. Schließlich würde ich nun zweieinhalb Stunden in diesem Zug unterwegs sein. Vielleicht sollte ich etwas lesen, oder noch ein wenig schlafen? Ohne dass ich viel dafür getan hätte, fiel meine Wahl auf Letzteres: Ich schlief. Und ich träumte irgendein wirres Zeug, das mich völlig verschreckt aufwachen ließ. Und der Zug stand – schon wieder! Alles in mir schrie Alarm, ich sprang hoch, grabschte nach Rucksack und Jacke, verbreitete Panik, fiel fast über den festgeklemmten Koffer. Und hörte plötzlich die Stimme des netten Mannes: „Wollen Sie wirklich hier aussteigen?“ Ich spähte hinaus: Das sah nicht so richtig nach „Berlin Hauptbahnhof tief“ aus. Aber was war es dann? Ratlos guckte ich herum. „Wir sind in Pasewalk“, erklärte der Mann, und seine Stimme klang dabei sanft und verständnisvoll. Ob er von Beruf Psychologe war? Mein Herzschlag beruhigte sich langsam und ich setzte mich wieder. Pasewalk – was es alles für Orte gab. Und wo die überall Bahnhöfe hinbauten. Rings um Pasewalk herum war übrigens nicht viel, was mich im Nachhinein noch einmal froh darüber stimmte, dass ich hier nicht ausgestiegen war. Allerdings belehrte mich der eilends aufgerufene Artikel im Wikipedia darüber, dass Pasewalk ein mittelalterlicher Ort ist, in dem es allerhand zu sehen geben soll. Der Eintrag war unglaublich lang, hier war ohne Zweifel ein wahrer Pasewalk-Enthusiast am Werk gewesen. Oder vielmehr mehrere – aber dazu später.

Ich beschloss, dass es zu gefährlich wäre, wenn ich nochmal einschliefe, und guckte deshalb interessiert aus dem Fenster. Dabei kann ja nichts passieren – eigentlich. Wenn man aber man so ganz entspannt ist und an nichts Schlimmes denkt, kann es manchmal vorkommen, dass man sich verschluckt: an der Atemluft oder der eigenen Spucke. Oder einem Gemisch aus beidem, so genau kann man das ja immer nicht nachvollziehen. Ich begann krampfhaft zu husten und rang nach Luft. Das ganze Zugabteil verfolgte gebannt meinen Überlebenskampf, auch der nette Mann. Dem sah man allerdings ein wenig sein Bedauern darüber an, dass er mich nicht in Pasewalk hatte aussteigen lassen, denn dann hätte ich jetzt in aller Ruhe und unbemerkt von der Öffentlichkeit mein Leben aushauchen können, ohne dass sich irgendjemand deswegen hätte schlecht fühlen müssen. Zum Glück wurde ich den hinderlichen Tropfen in meiner Kehle ohne Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung wieder los und schaffte es, mich für die nächste Stunde unauffällig zu verhalten.

Ich vertiefte mich noch einmal in den Wikipedia-Artikel über Pasewalk: Es war immer allerhand los da. Und es ist auch immer noch allerhand los, auch wenn der Ort kaum mehr 11.000 Einwohner und eine enorm hohe Arbeitslosigkeit hat. Man kämpft dort sehr mit braunem Gedankengut, soll heißen, die NPD ist stark und Unbelehrbare bringen den Ort in Verruf. Und während ich in dem Artikel schmökere, fällt mir auf, dass diese Leute offenbar auch in diesem Wiki-Eintrag herumgefuhrwerkt haben. Denn in der Liste der wichtigen Pasewalker Bürger und Honoratioren finden sich auch Leute, deren ehrenhaftes Wirken darin bestand, Obersturmführer bei der SS gewesen zu sein. Hier offenbart sich mal wieder die Schwäche der eigentlich von mir geschätzten Wikipedia: Jeder Vollhorst kann etwas dazu schreiben.

6 Kommentare zu “Beinahe Pasewalk

  1. Bin schon ein paar Mal mit dem Auto an Pasewalk vorbeigefahren. Hab mir auch überlegt, was das wohl für ein ort ist. Konnte aber nicht googeln, weil ……ich fuhr ja Auto. Dafür lag der Koffer brav und unbeweglich im Kofferraum.
    Wilhelm Busch hätte gesagt:
    Und die Moral von der Geschicht, Googeln und Autofahren, beides kann man nicht. Ich hoffe, du hattest ein paar schöne Tage auf Usedom!

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  2. Tja – was sagt man denn dazu? Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen :)! Auf alle Fälle hast Du zum Schluss sogar noch was gelernt und kannst damit angeben, dass Du alles über Pasewalk weisst.
    Manche Züge sind in der Tat komisch konstruiert – wir sind immer gern mit Rädern am Wochenende unterwegs gewesen und haben dabei zwischendurch immer mal den ein oder anderen Zug bestiegen. Räder gehören in den Fahrradwaggon – so bekamen wir es ständig gesagt. Fahrradwaggon ist nur für die Räder da, die Menschen müssen woanders hin. Einmal war es dann so, dass wir als erste die Räder abstellten, folgsam den Waggon verließen und dann gefühlt 40 Fahrer nach uns kamen ,ihre Räder vor unsere postierten und dann ebenso folgsam den Waggon verliessen. Leider wurde dabei nicht berücksichtigt, dass Leute auch mal wieder aussteigen und auch gern die Räder mitnehmen wollten. Auf fast allen Haltebahnhöfen wurden die Räder ausgeladen, eingeladen, ausgeladen, eingeladen ………… – bei unserem Ausstieg waren es immerhin noch 10 Räder, die raus mussten. Mit jedem Halt wurde die Verspätung größer – das hatte der Planer wohl nicht berücksichtigt.

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    • Tscha, praktisch klingt das nicht… Ich fahre immer häufiger in diesen Doppelstockzügen in den Urlaub: z. B. an die Nordsee- oder Ostseeküste. Da haben alle Leute viel Gepäck, aber in die Gepäckablage passt höchstens eine Aktentasche. Das gibt immer ein Mordsdurcheinander.

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