Die letzte Szene

Mal wieder ein Ergebnis aus dem Schreibworkshop: Aufgabe war es, irgendetwas zu einem Zitat von Georg Christoph Lichtenberg zu schreiben. Das lautete: „Es war ihm nicht unmöglich, die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.“ Eine doppelte Verneinung also – jemand störte Wörter nicht (eingefügt nach dem Hinweis von Creativines – danke!) in dem Besitz ihrer Bedeutung. Aha. So ist das schon weniger kompliziert. Trotzdem konnte ich damit nicht so recht etwas anfangen und legte deshalb einfach mal los. So entstand …

Die letzte Szene

Es war passiert, er konnte es nicht ungeschehen machen. Egal, wie sehr es ihn reute, die Worte waren gefallen, Tränen geflossen. Türen hatten geknallt, Bilder waren zerrissen, ein Verlobungsring war in die Kanalisation gespült worden. Er wagte einen letzten zaghaften Versuch:

„Du, wirklich, ich habe das nicht so gemeint!“

„Was kann man denn an „dämliche Kuh“ nicht so meinen?“, fragte sie und fuhr trotzig damit fort, ihre Sachen in Koffern und Umzugskisten zu verstauen.

„Naja“, meinte er nur und guckte seelenvoll.

„Grenzdebiles Landei hast du mich genannt, erinnerst du dich? Wenn ich so dumm bin, was willst du dann noch von mir?“

„Naja“, sagte er noch mal und hüstelte.

„Naja! Was, naja?“, äffte sie ihn nach.

„Ich habe das nicht so gemeint, das mit dem Dämlich. Also nicht im Sinne von dumm oder so.“

„In welchem Sinne dann?“

„Ja, im Sinne von nicht ganz so gescheit. Ausbaufähig, was Bildung angeht und so. Das sollte bestimmt kein Vorwurf sein.“ Treuherzig sah er sie an.

Ein fragender Blick aus ihren blauen Augen traf ihn. Es wirkte so, als sei sie noch nicht ganz von seiner Argumentation überzeugt.

„Ach was. Und wie erklärst du mir die „notgeile Schlampe“, die du hinter mir her gebrüllt hast?“

Er schwitzte. Dass Frauen aber auch immer so genau hinhören mussten. Diese hier hatte sogar noch ein gutes Gedächtnis und war nachtragend wie ein Elefant!

„Naja“, begann er wieder und biss sich nervös auf die Lippe, als er seinen Fehler bemerkte. Schnell fuhr er fort: „Ich war da einem Irrtum aufgesessen. Ich dachte, du hättest mit Peter gebumst. Inzwischen habe ich aber seine neue Freundin kennengelernt und habe verstanden, dass du gar nicht nach seinem Geschmack bist. Die ist wirklich ein ganz anderes Kaliber als du. Die hat vielleicht Klasse!“

„Danke für das Kompliment!“ schnaubte sie und schmiss die letzten Sachen in einen der Kartons. Das hörte sich ziemlich kühl an. Er freute sich trotzdem.

„Bitte“, sagte er, „gern geschehen!“

Sonnenuntergang Borkum

Untergangsstimmung auf Borkum

2 Kommentare zu “Die letzte Szene

  1. Schön geschrieben. Gut gefällt mir, dass man anfangs noch nicht seine wahren Gefühle/Gedanken erkennt. Das gibt so einen Aha-Effekt am Ende.
    Zu dem Zitat: Ich verstehe es ein wenig anders. Beide Neins weggelassen heißt es ja: Es war ihm unmöglich, die Wörter im Besitz ihrer Bedeutung zu stören. Also kann er sie nicht stören 😉
    Ich glaube, dazu wäre mir nichts eingefallen. Was für einen Schreibworkshop machst du denn (bzw. bei wem)?

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Creativines,

      du hast Recht mit der doppelten Verneinung – da habe ich in der Einleitung einen Fehler gemacht. Und ich fand dieses Zitat auch äußerst wunderlich, mir ist dazu auch nicht wirklich viel eingefallen. Das macht aber nichts, diese kleinen Übungen sind immer „zum Aufwärmen“ gedacht. Es geht immer nur darum, dass man in etwa einer Viertelstunde irgendwas schreibt, wie man die Aufgabe umsetzt, ist wurscht. Ein Schreibkollege sieht z. B. in Bildern, die wir zur Anregung bekommen, immer etwas Essbares. Eine Herbstlandschaft ist für ihn ein Zwiebelschnitzel.

      Ich mache mit in zwei Schreibworkshops bei der Frankfurter VHS. Es geht mir dabei um den Austausch mit anderen und das Feedback, das man bekommt. Sonst schreibt man so einsam vor sich hin und lernt nichhts mehr dazu. In beiden Kursen halten wir übrigens auch Lesungen – sehr spannend 🙂

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