Komische Gewohnheiten – Durch den Schulzaun starren

Ich muss mal wieder garstig sein und ein bisschen herumstänkern. Und das nicht nur aus Spaß an der Freude, sondern aus wirklichem Unverständnis heraus:

Komische Gewohnheiten 14 – Durch den Schulzaun starren

Leute, die Eltern sind, entwickeln naturgemäß andere Gewohnheiten als welche, die sich nicht um einen oder mehrere kleine Menschlein kümmern müssen. Sie sind fürsorglich und besorgt, was nicht nur verständlich, sondern richtig gut ist.

Manchmal aber treibt diese Sorge Blüten, die eigenartig anmuten und den Kindern mit Sicherheit eher schaden als nützen. Ich weiß von einer Lehrerin, an deren Schule die Eltern inzwischen „Klassenzimmerverbot“ haben, weil sie sich schwer von ihren Kindern trennen können, ihnen in die Schulräume hinterherdackeln, dort den gesamten Laden aufhalten und einfach nur lästig sind. Ich weiß, dass ich mich als Kind vor Scham nicht mehr aus dem Haus getraut hätte, wenn meine Eltern ständig hinter mir hergestiefelt wären. Und um ehrlich zu sein, habe ich der Bekannten nicht so richtig geglaubt, dass es tatsächlich so schlimm ist mit dem gluckigen Verhalten der Eltern.

Nun fahre ich regelmäßig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit und komme auch an einer Schule vorbei. Bis vor einer Weile sah man dort eifrige Eltern, die ihren Kindern die Taschen auf den Schulhof trugen – mehr war vom Bus aus nicht zu sehen. Inzwischen scheint es jedoch so eine Art „Schulhofverbot“ für die Eltern zu geben. Das hat den Effekt, dass die besorgten Eltern ihr Kind bis ans Schultor begleiten und ihm dort die Tasche in die Hand drücken. Herzzerreißende Szenen spielen sich ab, die Kleinen werden gedrückt und geherzt bis zum Geht-nicht-mehr. Das kann damals bei der Kinderlandverschickung, also dem Versuch, Kinder durch eine Evakuierung ins Ungewisse in Sicherheit vor dem Krieg zu bringen, nicht dramatischer gewesen sein. Und dabei kommen diese Frankfurter Grundschüler in ein paar Stunden wieder nach Hause!

Der Anblick dieses menschlichen Jammers wäre für mich zwar seltsam, aber noch zu ertragen. Das Schlimmste ist aber, dass viele dieser des Schulhofs verwiesenen Eltern ihre Kinder dann immer noch nicht in Ruhe mit den Schulkameraden spielen lassen: Sie stellen sich vielmehr direkt an den Zaun, schneiden lustige Grimassen, winken und machen allerlei Faxen, um die armen Kleinen auf sich aufmerksam zu machen. „Hallo Sophie! Hallo, hallo, hier ist die Mama!“ Dass Klein-Sophie vielleicht gerade in ein wichtiges Gespräch mit Emma und Max vertieft ist, interessiert dabei überhaupt nicht. Schließlich MUSS so ein armes, von den Eltern vor dem Schulhof verlassenes Kind doch einsam sein, das kann, das darf doch gar nicht anders sein. Es ist doch nicht möglich, dass dieses Grundschulkind den Vormittag über alleine zurecht kommt – am Ende noch besser als dieses arme, verlassene Elternteil da vor dem Zaun.

Und ich sitze morgens in meinem Bus, schaue durchs Fenster auf die, die durch den Zaun starren, und frage mich, ob das wirklich noch normal ist. Und ich denke an Sophie, Emma und Max, die später vielleicht einmal gefragt werden, was sie denn eigentlich früher auf dem Schulhof immer gespielt haben. „Gar nichts“, werden sie sagen, „wir hatten dazu keine Zeit. Wir mussten uns um unsere Eltern kümmern.“

Eltern am Schulzaun

Kurz vor Schulbeginn an einem gewöhnlichen Donnerstag. Deutlich voller ist es hier direkt nach den Ferien – da ist der Trennungsschmerz wohl noch schlimmer. Um niemanden zu verunglimpfen, habe ich mich des „Schwamm“-Filters des Photoshops bedient – sieht doch ganz malerisch aus, oder?

Nachbemerkung: Natürlich kann man mir nun sagen, dass ich von dem, über das ich da schreibe, überhaupt keine Ahnung habe – schließlich habe ich keine Kinder. Trotzdem habe ich die beste Ausbildung zu diesem Thema genossen, die es gibt: Ich war nämlich mal Kind. Und zwar eines, das frei herumsausen und spielen durfte, dem nicht ständig die Eltern am Rockzipfel hingen. Meine Eltern haben uns etwas zugetraut, haben uns laufen lassen. Ich weiß, dass auch sie sich gesorgt und manchmal unruhig auf die Uhr gesehen haben, wenn der Weg von der Schule nach Hause mal unerwartet lange gedauert hat (z. B. weil der blöde Jan F. meinen Handschuh in den Gulli gesteckt hat und Sören B. und ich so lange brauchten, um den da wieder rauszuholen!). Aber meine Eltern haben sich zurückgenommen und uns machen lassen. Natürlich ging dabei auch mal was schief – aber ist das nicht im späteren Leben auch so?

8 Kommentare zu “Komische Gewohnheiten – Durch den Schulzaun starren

  1. Ach, du bist nicht die einzige, die sich über solche komischen Angewohnheiten wundert. Ich finde das sehr seltsam, und das eben weil ich selbst drei Kinder habe. Bei uns gibt es mittlerweile auch Schulhaus- und Schulhöfen für die Eltern, was bei vielen auf Unverständnis stößt. LG Nicole

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  2. Ich habe meinen Großen genau eine Woche zur Schule begleitet. Dann nur noch bis über die Ampel und nach Hause umgekehrt… Zumal ich mit jeder Woche mehr schwanger, den Hügel nicht mehr besteigen mochte. Dieses irgendwo rumstehen morgens und zur Abholzeit ist mir eh fremd. Da hab ich gar keine Zeit für. Kinder laufen lassen wie früher, das geht glaube ich leider heute nicht mehr. Aber ihnen nichts zutrauen und sie unter den gluckigen Flügeln erdrücken, ist auch nicht der Weg.

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  3. Ich musste jetzt schon schmunzeln, denn bei uns ist mein Mann diese Glucke gewesen. Obwohl ich dafür plädierte, unseren Sohn damals allein zur Schule gehen zu lassen, hat er ihn so gut wie jeden Morgen hingebracht. Selbst auf dem Gymnasium noch einige Jahre. Und unser Sohn hat diesen bequemen Bringdienst natürlich genossen. Allerdings ist mein Mann nicht am Zaun stehengeblieben, da er auch zur Arbeit musste. Inzwischen ist unser Kleiner flügge geworden. Aber auch da versuche ich vernünftig ranzugehen, auch wenn ich mir hin und wieder Gedanken mache, wenn er alleine loszieht (also nach der Schule, meine ich). Ich ertappe mich aber auch dabei, ihm heute weniger zu erlauben, als ich in seinem Alter schon durfte …

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    • Ich hatte das Glück, eine große Schwester zu haben, die vieles schon durchhgekämpft hatte. Wären mir meine Eltern immer hinterher gelaufen, wäre mir das so unangenehm gewesen. Natürlich hätte ich mich manchmal gefreut, wenn ich gebracht worden wäre – gerade bei Schietwetter. Aber hätte ich wählen müssen – Bringdienst oder Selbständigkeit – hätte ich wohl Letzteres genommen.

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  4. Hallo Meike,
    ich bin Mama von 2 Kindern, und ich wünschte manchmal, Eltern würden weniger glucken. Ich merke sehr deutlich, dass Töchterchen (8) diese unbeschwerte Freiheit braucht, aber alleine mag sie die nicht genießen. Die Kinder ringsum dürfen meist nicht ohne Aufsicht raus, außerdem passen die „Termine“ nicht zusammen. Gemeinsames Spielen muss vorher telefonisch abgesprochen werden. Einfach raus gehen und Klingeln geht nicht mehr. Leider.
    Mein Mann bringt Töchterchen übrigens auch die paar Schritte durch eine kleine Gasse bis zur Fußgängerampel vor der Schule, aus 2 Gründen:
    – Die Eltern nutzen diese Gasse zum bequemen Umlenken ohne Rücksicht auf Verluste
    – „Rot“ an der Ampel heißt nicht zwingend für die Autos, dass sie anhalten müssen… gerade morgens im „Berufsverkehr“
    Im Übrigen wurde ich von Nachbarn schon schief angesehen, weil ich meine damals fast 6jährige Tochter alleine zum Bäcker geschickt habe (deren Sohn ist 2 Jahre älter).
    LG von TAC

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