Schön ausgedrückt – das Binnen-s

Im Rahmen des Schreibworkshops bekamen wir die Aufgabe, etwas über das Binnen-s zu schreiben. Ich kenne das auch unter dem Namen Fugen-s, und das ist ein Ding, das ein wenig schwammig ist: Oft kann man, muss es aber nicht verwenden. Ohne klingt es manchmal für den einen komisch, für den anderen nicht. Man hätte darüber etwas Seriöses schreiben können – musste es aber nicht. Und daher kommt hier jetzt

Das Binnen-s

Binnen-s, Fugen-sZum Hochzeitstag bekam Sigbert von seiner Martha ein S: ein Fugen-s. Weil es nämlich nicht der Hochzeit-Tag war, sondern der Hochzeitstag – der mit dem S. Und weil er das S immer vergaß, der Sigbert. Er war Jurist, und zwar einer der schlimmsten Sorte. Seine Schriftsätze lasen sich so hölzern, dass selbst ein Stock im Allerwertesten dagegen das reinste Therapeutikum war. Und auch wenn er privat etwas schrieb, klang es wie von einer Kreissäge gedichtet.

„Zum Tag der Geburt gratulieren freundlich …“ schrieb er zum Beispiel.

„Schreib doch einfach: Alles Liebe zum Geburtstag“, schlug Martha vor, doch Sigbert lehnte ab. Er sagte auch nicht „Dreieckstuch“ zu Marthas schönem Kaschmirtuch, sondern nannte es den Schal mit dem Zipfel. Ausbildungsbeihilfe schrieb er ohne S, aber dafür mit Bindestrich, und Herzenswünsche hatte er nicht. Er boykottierte einfach alle Wörter mit Fugen-s, verbog die Sätze, verballhornte die Worte und brachte Martha, die schöngeistig veranlagt war, damit fast zur Verzweiflung. Und deshalb bekam Sigbert zum Hochzeitstag ein S: ein Binnen- oder ein Fugen-s.

Es war ziemlich klein, golden und innen: eingemauert in winzige goldene Ziegelsteine, sauber verfugt mit Mörtel aus Platin. Es hing an einer soliden goldenen Kette und Martha legte sie ihrem Sigbert selber um. Ohne Bolzenschneider würde er es nicht wieder loswerden. Sigbert hatte nämlich arthritische Wurstfinger, die einen solchen filigranen Verschluss niemals würden auffummeln können.

„Ein S“, stellte Sigbert fest du besah sich im Spiegel. „Schön. Und nu?“

„Nun hast du immer ein Fugen-s da, wenn du eines brauchst“, erklärte Martha und guckte zufrieden.

Ihr Mann lächelte. „Könnte auch für „Sigbert“ stehen.“

Ja, da hatte er wohl recht. Und wie zu erwarten war, wurde trotz des Fugen-s an der Kette aus Sigbert kein Poet mehr. Er holzte weiter durch Schriftsätze und Postkarten, hielt hakelige Reden und war damit recht froh bis an sein Lebensende.

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